In einer historischen Konstellation, in der sich die jüngste Form künstlerischer Fotografie in Format und Bildkomposition dem Tafelbild angenähert hat, spekuliert die Malerei abermals auf ihre verschütteten, unter zahllosen Geschichten vergrabene Eigenschaft, sichtbare Spur der Bewegung einer Hand zu sein. [...]

So vernebelt vor allem die digitale Form der künstlerischen Fotografie in der Bezugnahme auf Muster der Malerei die bislang entscheidende materielle Differenz zwischen beiden Medien. In einer hybriden Mischung aus Abbild und freiem Zeichengebrauch wird die Identität des jeweiligen Bildes gleich zweifach untermauert: als malerische Komposition und Abbild, als historische Reminiszenz der Malerei und als Dokument des Gegenwärtigen. Es ist diese Mischung, in der sich die Fotografie der Malerei in einer Zeit als überlegen erweist, die das Erbe der Avantgarden nicht preisgeben will, es zugleich aber historisch als überholt betrachtet. So ist zumindest die künstlerische Fotografie im musealen Format strukturell durch das Verhältnis definiert und determiniert, das sie bildintern zur Malerei einnimmt.
Wagner, Thomas: Wo sich der Hase den Bauch wärmt. Zum Verhältnis von Fotografie und Malerei im digitalen Zeitalter. In: how you look at it. Fotografien des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. H. Liesbrock u. Th. Weski. Ausstellungskatalog des Städel, Frankfurt/M., S. 91f.