Manchmal lese ich Zeitungen viel zu spät, aber die Distanz zum Tagesgewimmel bringt doch noch herrliche Perlen hervor. Ulrich Holbein schreibt (übrigens neben einer unsäglich schwärmerisch-naiven Eloge von Hanns-Josef Ortheil auf das Wir-sind-alle-gut-Klima der Papst-Schäfchen) in der FAZ vom 24.08.2005 unter dem Titel “Der Plunder von Köln” über den Papstbesuch auf dem Weltjugendtag:
Thomas von Aquin, indem er Possenreißer zu Erzsündern stempelte, konnte heutige Spaßgesellschaften ebenso wenig verhindern wie die Transformation des sündhaften Gottesstaates in nachmetaphysische Wohlfühlspritualität und atmosphärische Angleichung von Weltjugendtagen an Weltmeisterschaft, Christopher Street Day, Olympische Spiele, Woodstock, Karneval der Kulturen
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Das Holzthron-Design auf dem Kölner Marienfeld nahm Maß am Sarg des Vorgängers – als Einsprengsel neuer Sachlichkeit, wenn nicht gar als Ikea-Ästhetik. Im “Dialog mit den Religionen” übersah der Relativismusverketzerer Benedikt den Balken im eigenen Auge und relativierte andere Religionen statt seine. Doch diese wußten sich zu revanchieren: Nicht umsonst klangen die Didgeridoos beim Abendmahl wie tibetanische Langtuben. Vorchristliche Buschtrommeln schlugen im Percussion-Sound von James-Last-Tanzmusik, die nun, verquirlt mit unsagbar falsch singenden Bischöfen, zur Blasphemie gegen Bach, Palestrina, Gregorianik, Gospelkunst mutierte. Kollektive Unfähigkeit, Scham zu entwickeln angesicht der Anmaßung, wimmelnder Bodenbelag könne einem als amusisch vorausgesetzten Gott “gefallen”, paarte sich mit Gebärdensprache, die in stille Kämmerlein gehört, sich aber gynäkologisch ausleuchten ließ – da schlich sich ein abgewürgter Sexus durch gerontokratische Hintertüren.
Wer kann, sollte den ganzen Artikel lesen, es lohnt sich, endlich einmal eine andere Stimme in dem überwiegend anti-aufklärerischen Grundton der Medienberichterstattung zu lesen. Kann man sich für 1,50 EUR im FAZ.net besorgen.