Hört man die aktuellen Nachrichten, reibt man sich zunächst verwundert die Ohren und dann den Kopf. Kaum erscheint auch nur die kleinste Nachricht über stockende Gaslieferungen oder Schwierigkeiten bei der Gasversorgung, raunen und murren Politiker über die Notwendigkeit und den Nutzen der gerade zu Grabe getragenen Atomkraft. Was ist das eigentlich für eine Politik und was sind das für Menschen, die (heute noch nicht einmal gefundene) hochgefährliche Endlager mit strahlendem Müll für die nächsten 10.000 (!) Jahre schaffen wollen, nur um ihren Freunden, Lobbyisten und Stammtischbrüdern einen Gefallen zu tun?
Wenn heute eine archäologische Expedition die Überreste einer ‘nur’ 4000 Jahre alten Frühkultur ausgräbt (ein Schicksal, das wahrscheinlich auch uns einmal blüht, lediglich eine “Frühkultur” gewesen zu sein), dann bleibt sehr viel unklar und diffus. Auch die Wissenschaftler können sich das Leben dieser Vorfahren zum Teil nur sehr schwer zusammenreimen und erklären. Wie wird das sein, wenn eine Kultur in 9000 Jahren unseren dann immer noch strahlenden Atommüll findet, wird die Information “Achtung, gefährliche Radioaktivität, nicht öffnen!” dann immer noch klar übermittelt werden können? Mit Schildern? Mit einer Diskette (den großen schwarzen Floppy-Disks etwa, die schon heute kein Computer mehr lesen kann?) oder mit einem Buch?
Wissenschaftler haben sich mit dem Problem der Kommunikation über Jahrtausende beschäftigt, um die Warnung vor einem Atomlager auch für künftige Generationen wachhalten zu können. Der Semiotiker Roland Posner kommt zu dem Schluß, dass die Menschheit bis heute weder über die technischen noch über die sozialen Voraussetzungen zur Lösung dieses Informationsproblems verfüge. Nur wenn wir Nachrichten o.ä. schaffen könnten, die unsere Nachfahren zum Beispiel des Jahres 11005 mit Sicherheit daran hindern würden, in strahlende unterirdische Endlager einzudringen, dürfte Atomkraft genutzt werden. Der Semiotiker Thomas A. Sebeok schlug deshalb vor, dass Wissen über atomare Lagerplätze ausschließlich einer “Atompriesterschaft” anzuvertrauen, schließlich seien solche “Priesterschaften” nach unserem aktuellen Wissen am erfolgreichsten bei der Weitergabe von Informationen, wie an der katholischen und anderen Kirchen abzulesen sei. Diese “Nuklearbarone” sollten sich – Kardinälen gleich – selbst ergänzen und das gefährliche Wissen über atomare Gefahren durch Raum und Zeit tragen. Bleibt zu fragen, wer diese Fron auf sich nehmen wird, wenn jenseitige Heilsversprechen, wie sie “normalen” Mönchen ein Leben mit Selbstkasteiung, Zölibat, Isolation etc. etwas schmackhafter machen, fehlen. Den “Atompriestern” würde es obliegen, bei der unwissenden Bevölkerung durch kontinuierlich vermittelte Mythen und Rituale sowie eine eingängige Symbolik die Angst vor dem Atommüll wachzuhalten. Wäre die Angst vor den schlafenden Atomgöttern o.ä. in der Folklore verankert und damit Aberglaube, könnten atomare Endlager zu echten “Tabus” werden. Was für eine Dialektik der Aufklärung und des Fortschritts, wenn die Wissenschaft und der Fortschritt archaische Riten und Tabus benötigen, um die Bevölkerung vor den Früchten der eigenen Arbeit (den “bitteren” Kern-Früchten der Atomindustrie) zu schützen.
Aber warum sollte ein bayerischer Provinzpolitiker so weit denken?