Eine Initiative zur Förderung des Medienstandorts FrankfurtRheinMain veranstaltet an jedem zweiten Mittwoch eines Monats den Medienmittwoch mit Vorträgen und Diskussionen zu Medienthemen. Gestern, am 11.01.2006, gab es dort eine Veranstaltung zum Thema “Weblogs: Revolution des Journalismus oder überschätztes Phänomen?”. Hier ein kurzer Bericht über Fleisch gewordene Medienunternehmen und anwesende Klone:
Mannomann, wenn man sich mal überlegt, dass jeder der Anwesenden auf dem “Podium” seine Firma re-präsentiert hat, dann bekommen anonyme Medienkonglomerate wie Google, Yahoo und Burda plötzlich Leib & Leben & Gesicht. Google sagt wenig, muß sich bei dem eigenen Erfolg wohl auch nicht sonderlich produzieren, sehr jung und leger. Der Bildblog kommt im Journalisten-Look “Classic” mit Sakko, Ich-schreibe-Brille und Rollkragenpullover daher und hält die Fahne der Seriosität in einem Meer von vor sich hin delirierenden Teenager-Blogs (“Hab’ grad’ ne 5 in Mathe bekommen und draußen regnets”) und modernden Webleichen hoch. Man wolle ja gar kein großes Geld mit dem eigenen Blog verdienen, sondern sich nur “refinanzieren”. Das Publikum scheint sich zu fragen: wo endet “refinanzieren” und wo fängt verdienen an? Ist es ok, sich einen BMW refinanzieren zu lassen, oder muß man sich den schon verdienen? Don Alphonso im Gebrauchtwagenverkäufer-Outfit, dafür mit den brilliantesten Analysen des Blog-Phänomens (“narrative Form zwischen Roman und Journalismus”), spielt mit Genuß das enfant terrible der Herren-Runde. Hat übrigens niemand gestellt, die Standard-Frage: “Warum stehen da oben nur Männer?”, DAS hätte noch gefehlt, nachdem eine Dame aus dem Publikum DAS WAHRE LEBEN in Museen, dem Frankfurter Filmmuseum oder eben einfach nur abseits des Monitors sieht, man solle doch bitte bite nicht so viel bloggen. Und wir meinen: man sollte mehr Adorno lesen und dann bitte nicht mehr über das wahre Leben schwadronieren, das ohnehin ein glitschiger und obendrein launischer Fisch zu sein scheint, man kann es/ihn nicht festhalten. Don Alphonso dagegen redet zur aufgeworfenen These “Aufmerksamkeit ist die wahre Ware” immer nur von “Awareness”, “Awareness”, als ob die gute alte angestaubte Aufmerksamkeit seit dem Vorredner unerwartet verstorben ist. Das Handelsblatt (hochaufgeschossen, leicht streberhafter, humorverlassener Schreiberling) ist froh, im eigenen Blog auch mal was über den Ironman schreiben zu können. Das muß ein arg tristes Leben sein als Journalist, den ganzen lieben langen Tag langweilige schwäbische Schaffer und ihre Unternehmenszahlen porträtieren, aber nach Feierabend darf dann im Blog mal so ein abgefahrenes Thema wie der Ironman “abgefeiert” werden (O-Journalisten-Slang des Handelsblattes). In der Vita findet sich dann auch die Erklärung für den trockenen Auftritt: von 41 Lebensjahren zwölf als Zeitsoldat verbracht, BWL-Studium und Arbeit als Presseoffizier (wie grüßt ein Presseoffizier einen Pressereferenten oder einen Pressegeneral?), da kommt einiges zusammen und wenig Freude auf. Yahoo tritt im Anzug mit Krawatte auf und wirkt wie (Achtung, Witz) die Kopie eines Consulting-Clons, wie es sie, gleich aussehend in gleich aussehenden Büros die gleichen So-macht-mans-Folien produzierend, wie Sand am Meer gibt. Redet von “Response”, sieht große Dinge kommen (der merkwürdige,aber stets zukunftsgewisse Blick in die Ferne, wie ihn Consultants so oft haben, ziellos und ohne Scharfstellung, aber immer nach vorne), die dann alle “geshared” werden und wiederkäut die Leerformel der “neuen Mediennutzung”. Man müsse mit Blogs eben auch irgendwie Geld verdienen und habe überhaupt kein Problem damit, in Deutschland und in China tätig zu sein, da gibt es für Yahoo keinen Grund, eine Unterscheidung zu treffen. Verdientes Geld heiligt die Mittel, ob es in einem verharzten spätindustriellen Deutschland oder einer prosperierenden Diktatur verdient wird. Geht der Blick nur nach vorne, sieht man keinen Tiananmen-Platz und andere Verbrechen der Geschäftspartner, wie Don Alphonso zu recht bemerkt. Der sehr gute Moderator entschuldigt sich dafür, dass Yahoo soviel Redezeit eingeräumt wird, aber Yahoo müsse gleich noch das Flugzeug kriegen und deshalb früher gehen. Gut, Zeitplanung muß man bei Yahoo wohl nicht lernen, aber sollte man nicht eher weniger Zeit bekommen, wenn man die Veranstaltung schon nicht für so wichtig hält? Burda sitzt als gefönter jungdynamischer Dandy mit Anzug und rosa Hemd auf dem Podium, Fit-for-Fun-Bunte-Freundin-Amica-Super-Illu bekommen ein Gesicht, aber über Allgemeinplätze nicht hinaus, aber auch hier wartet bereits das Flugzeug, oder, wie Max Goldt es so schön angekreidet hat: “der Flieger”.
So, jetzt aber Schluß, der Flieger wartet.
Auch zu finden unter dem zur Veranstaltung initiierten Blog
Zum Thema “Yahoo und China” kann man bei den Ärzten ohne Grenzen weitere pikante Details nachlesen.
Drüber geschrieben haben auch endl.de und Jens Scholz und Basic Thinking und Sven Scholz und Don Alphonso und die dunkle Seite und broadcaster.
4 Kommentare
noch besser war der herr aus dem publikum, welcher die these “computer machen dick, wenn man 5-5 h davor sitzt und mit dem bloggen, da sitzen die leute ja noch länger davor” ;)
Ein bischen deprimierend, dass die einzige Frau, der du eine Stimme gegeben hat, einen solch hochnotpeinlihcen Kommetar abgegeben hat, was hat die auf so einer Veranstaltung zu suchen, wieso flaniert sie nicht am Mainkai lang? Ich komm ja aus Frankfurt ich kann mir die Dame ungefähr vorstellen.
Sowieso habe ich sagenhören, dass nur Männer bloggen.
Sehr schöne Zusammenfassung der Veranstaltung. Bei solchen Themen denkt man immer, wenn solche Pole nebeneinander gestellt werden, es müßten doch irgendwie mal Lichtbogenblitze aufflackern, irgendeine chemisch-nukleare-Kurzexposion von mindestens 1 Millisekunde Dauer sich ereignen oder ein Magnetfeld mit irren Anziehungs- oder Abstoßungskräften eine Spannung erzeugen. Aber es ereignet sich nur etwas mehr als NICHTS: vielleicht mit dem Bild von gleichgepolten Magnetplatten, die aufeinander zu bewegt werden, am besten umschrieben. Ein kurzes Zittern durch den Druck der Erwartungen im Publikum, ein heftiges Ausweichen und dann schnell wieder in die stabile Lage der genau bemessenen Distanzen.
Und man selbst flippt zwangsläufig in den Celebrity-Peep-Modus, begutachtet die Ticks der Vortänzer und fantasiert, ob sie mit dem Schatz der eigenen Vorurteile übereinstimmen:
Google und Yahoo “Weblogs, klar, wir fressen Alles. Hauptsache das Internet wird größer, mehr User, mehr Downloads, mehr von Allem und zwar für uns.”
Burda und Handelsblatt “Immer weniger Leute wollen dafür bezahlen, was wir so wegdrucken, aber wir müssen die Leser online irgendwie bei der Stange halten, notfalls mit so ‘nem Kram wie Weblogs, hoffentlich krepiert die Konkurrenz vor uns.”
Bildblog “Wir machen hier den Drachentöter und wollen ja nicht die ganze Belohnung, sondern nur einen Vorschuß damit unser Pferd nicht unterwegs verhungert und wir machen gar kein Weblog, wir nennen uns nur so, warum weiß ich auch nicht.”
Google und Yahoo und Burda und Handelsblatt und Bildblog im schweigenden Chor “Was sollen diese Weblogs eigentlich?”
Und schauen alle den Don Alphonso an, der nimmt tief Luft und legt los “Bloggen ist Lust und Freiheit und…”
Der schweigende Chor wendet sich ab, hält sich die Ohren zu und singt “Bitte sag’s uns NICHT!”
Das war so eine Tanzminiatur, die ich wahrgenommen habe.
Vielen Dank für die gelungene Darstellung meiner Person. Ich kann die noch offenen Frage vielleicht noch eben beantworten. Ein Presseoffizier grüßt den Pressereferenten mit: “Guten Tag” oder “Hallo, wie gehts”. Und jetzt mache ich weiter mit meinem humorlosen und tristen Leben.
viele Grüße
Julius Endert