06.06.2006

Jagd im Gehege der Massenkultur

Peter Sloterdijk, hier immer wieder gerne zitierter Verbalistiker, gibt Spiegel Online ein sehr unterhaltsames, lehrreiches und langes Interview zur Fußball WM. Aaaah, man möchte gerne alles zitieren, aber hier sind dann eben ein paar Perlen statt der ganzen Perlenkette:

Es gibt kaum ein Spiel, bei dem unsere alten protoartilleristischen Jagderfolgsgefühle so deutlich imitiert werden können. Wenn man den inneren Jäger ganz paralysiert, ganz umgebracht hat, dann kommt man unvermeidlich zu der Überzeugung, dass es auf der Welt nichts Dümmeres gibt als die Reaktion von Fußballern nach dem Torerfolg. Es ist wirklich obszön, was man da zu sehen bekommt. Eine Pornodarstellerin müsste sich genieren, verglichen mit diesen seltsamen Torschützenorgasmen, die vor zahlendem Publikum zum Besten gegeben werden. Aber: Sobald man auf diesen Mord am inneren Jäger verzichtet und die alten Jagdgefühle zulässt, spürt man sofort, was auf dem Rasen verhandelt wird. Da wird nämlich das älteste Erfolgsgefühl der Menschheit reinszeniert: mit einem ballistischen Objekt ein Jagdgut zu treffen, das mit allen Mitteln versucht, sich zu schützen.

Aber es kommt noch besser:

Frauen sind herkunftsmäßig Sammlerinnen, und die braucht man heute mehr denn je, denn aus der Sammlerin wird auf dem kürzesten Weg die Konsumentin. Frauen sind in diesem Punkt viel kapitalismuskompatibler als Männer. In der Konsumentin zeigt sich noch immer diese stille, triumphale Genugtuung der Sammlerin, die in ihrem Korb etwas heimbringt. Daraus ist dieses mysteriöse weibliche Universal der Handtasche entstanden. Ein Mann ohne Speer oder ohne Ball, das geht ja noch, aber eine Frau ohne Handtasche, das ist wider die Natur.

Ich dachte schon, das wäre nicht mehr zu schlagen, aber dann das:

SPIEGEL: Ist die deutsche Nationalmannschaft ein Team von Hermaphroditen?

Sloterdijk: Im Prinzip ja. Wobei sich Klinsmann dagegen wehrt. Ich denke, der hat den Kuranyi nicht wegen der angeblich schwachen Leistung rausgeschmissen, sondern weil er ihm übelnimmt, dass er eine halbe Stunde braucht, um sein Bärtchen zu rasieren. Das ist auch ein antihermaphroditisches Votum von Klinsmann, ein Anti-Model-Protest.

Ha, ha, was für ein Spaß. Das ist genug Stoff, um den Rest des Tages mit Weiterdenken zuzubringen.

Hier das ganze Interview: Peter Sloterdijk im Gespräch mit Spiegel Online: “Ein Team von Hermaphroditen”

Geschrieben von blogschrift in Gedacht | RSS 2.0

Bisher 2 Kommentare zu “Jagd im Gehege der Massenkultur”

  1. Anonymous meint:

    KLINSMANNS EKELFOTO AZ MÜNCHEN
    In Südkalifornien schaut man besonders aufs Äußere, und über einen Mann, dem die Nasenhaare wuchern, würde man denken der ist garstig, wahrscheinlich Unterklasse oder ein Psycho -Serienmörder gerade entlassen. Tja die Gegend ist gnadenlos. Verstehe also nicht das Bild jüngst in der AZ München , Nasenhaarebüschel, mit dem Gesicht Klinsmanns dran – beim Flug darf er die nicht mehr abschneiden, Schere verboten.
    Also trägt er die in Southern California auch. Na ja, er redet ja manchmal von sich in der Mehrzahl, vielleicht stimmt das ja mit Psycho.: wir wissen wer unsere Feinde sind, AUWEIA Julia K., München

    Julia K.

  2. blogschrift meint:

    Tja, so sind sie, die Gringos bzw. die Krauts im Ausland, tragen einfach in Südkalifornien ihre Nasenhaare spazieren, “desch ging doch i Stuttgart a scho”. Oder so.

    Wobei diese Rasieren-Manie aus den USA auch immer groteskere Züge annimmt (auch das scheint, um mit Sloterdijk zusprechen, tief, ganz tief aus unserer protoartilleristischen Phase zu kommen, bzw. aus der zwanghaften Distanzierung von unseren haarigen / behaarten Frühformen).

    Ich bin gespannt, wann es (in Südkalifornien?) erste Klebestife geben wird, die man sich bis zur Nasenwurzel in die Nase drückt und dann ruckartig aus der Nase zieht. Hmmm, wenn ich es mir recht überlege: gar keine schlechte Geschäftsidee…

    Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn man in Südkalifornien mehr aufs Innere schauen würde.

    Das ist doch (oft) viel spannender.

    Aber durch Nasenhaare zum Serienmörder abgestempelt zu werden, das iss schon hart. Tz, tz, dabei weiß doch jeder Zeitungsleser: “Das war immer so ein netter Nachbar, das hätte ich nicht von ihm gedacht. Der hatt’ gar net so ausg’schaut.”.

    Grüße aus Ost-Frankfurt

Ihr Kommentar: