Ja, ja, jetzt wissen wir es alle, Deutschland hat eine Fahne…
Mal sehen, was aus dem dumm-naiven Fahnengeschwenke und Deutschland-Gegröle wird. Bisher fällt es nicht durch besondere Originalität, Phantasie oder Witz (gar Selbstironie) auf. Nur “Deutschland, Deutschland” ist auf Dauer halt doch ein bisschen sehr wenig. Wie sagte der von uns hochverehrte Arno Schmidt: “Ehe Du für dein Vaterland sterben willst, sieh dir s erst mal genauer an!” (Aus dem Leben eines Fauns, BA I, Bd. 1, S. 371). Und wenn Du für Dein Vaterland die Fahne schwenkst, so wäre zu ergänzen, auch dann sollte man es sich genau angucken.
Ich bin gespannt, wie es jetzt weitergeht, schließlich wurde von den ewig-gleichen Politiker-Farcen in der ewig-gleichen Christiansen-Runde in ewig-gleichen Statements immer wieder behauptet, alles Übel würde nur an der lauen bis miesen Stimmung in den deutschen Landen liegen. Man müsse mal alles positiver sehen, dann klappt es auch mit der Wirtschaft, den Arbeitsplätzen, den Staatsschulden (by the way u. heute so in der Tagesschau zu hören: 1 447 505 Mrd. €, da muss schon eine Menge Geld weggefreut werden…) Da darf man gespannt sein, wie die neue patriotische Hochstimmung das alles löst.
Wir warten.
Und, Ehrenwort: wir werden das zu würdigen wissen, wenn sich die ganze Chose in Wohlgefallen auflöst, Vollbeschäftigung, der Staat macht Gewinn und keine Schulden, alle studieren und fahren Porsche.
Der eigentliche Anlaß für diese launigen Notizen ist aber eine Beobachtung vom Oldblog, die auch mir während des deutschen Gottesdienstes bei Kaiserwetter vor dem TV-Fußballfeld aufgefallen ist. Oldblog schreibt über eine Parallele, die ihm zwischen der Yello-Fernsehwerbung und historischen Bildern von Adolf Hitler aufgefallen ist. Mir ging es ähnlich als ich den Werbespot gesehen habe. Irgendwie bekannt, wie Franz Beckenbauer da eine Reihe von Männern abgeht, Wangen tätschelt und mit seinem süddeutschen Akzent sagt “Jungs, Kopf Hoch. Macht mir jaaaaa keine Schande!”. Und das alles theatralisch untermalt von der National-Hymne.
Hmmm. Irgendwo schon mal so ähnlich gesehen.
Genau, nämlich auf jenen historischen, im kollektiven Gedächtnis eingebrannten Bildern von Hitlers letzten Tagen im Führerbunker, als er noch mit Geisterarmeen jonglierte und Kinder als letztes Aufgebot verheizte. Damit soll natürlich keineswegs Franz Beckenbauer oder das Energieunternehmen Yello Strom in irgendeiner Weise auch nur in die Nähe von Hitler oder das Ideengut des Nationalsozialismus gerückt werden. Beide haben ausdrücklich nichts mit Hitler oder dem Nationalssozialismus zu tun. Aber angemerkt werden muss, dass es Kollektivbilder im Gedächtnis einer Nation gibt (da isse wieder, die Nation, ja auch das ist Deutschland…), die man nicht einfach so naiv benutzen kann. Es gibt eben Dinge in der Geschichte, die sind vorher da und da kommt man nicht dran vorbei. Auch nicht mit einem mäßig-witzigen Werbespot.
Ein Beispiel für einen ähnlichen Fall ist zum Beispiel die Formel “Jedem das Seine”, die in der Werbung bereits mehrfach von wenig gebildeten Agentur-Dummbolzen verwendet wurde (Hier eine Kurzdokumentation der Forschungs- und Arbeitsstelle nach/über Auschwitz zur Verwendung der Formel “Jedem das Sein” in der Werbung (PDF)).
So wie es manchmal keine unschuldigen Wörter gibt, so gibt es auch keine unschuldigen Bilder.