Wie oft hatten wir es in den vergangenen Jahrzehnten gehört, jenes oberschlaue “Ich fühl’ mich nicht als Deutscher, ich bin eher Europäer, nein, Kosmopolit!”?
Für wieviel besser und moralisch gereinigt hielt man sich, wenn man Schwierigkeiten mit dem eigenen Vaterland hatte und man nicht dumm-fahneschwenkend wie Amerikaner alle Verbrechen des eigenen Landes als längst vergangen oder eben einfach notwendig ansah.
Und wie oft haben wir es schon bemerkt, diesen Ekel an allem Deutschen im Urlaub, man wollte nicht identifiziert werden mit jenen weißbesockten Sandalenträgern oder mit den peinlichen Studiosus-Tanten, die nicht ohne das deutsch-gründliche Studium voluminöser Reiseführer in ein Land fahren konnten. Und man staunte über das lockere Zusammenkommen z.B. der Briten (oder sogar, sehr viel umfassender, der angelsächsisch geprägten Nationen) ohne irgendeinen Nationen-Komplex (trotz ebenfalls nicht unproblematischer Vergangenheiten).
Und mit der Zeit bildete sich die Erkenntnis, dass gerade diese Distanzierung vom Deutsch-sein eben typisch deutsch ist. So ist sie eben, die typisch-deutsche, dialektische Selbstzerfleischung. Ein Kreter fragt sich, ob er tatsächlich lügt wie alle Kreter, wie er über die Kreter hat reden hören…
Einen Abklatsch vom deutschen Selbstzweifel bekommt man ironischerweise zur Zeit, wenn allerorten Ängste darüber geäußert werden, dass das neue deutsche Gefühl ‘kaputtgeredet’ werden könnte oder mit dem Ende der Fußball-WM einfach verschwinden könnte. Tja, wenn sich das so einfach wieder davon macht, dann war es aber ein sehr zartes Pflänzchen. Es scheint, als ob Spielverderber, Kritiker, Nachdenkliche, Zweifler nicht gern gesehen sind, wenn doch alle so schön feiern und die Welt so einfach scheint, zwei Teams mit einem Ball und los gehts.
Eine junge Generation zeigt bei der WM, dass es auch anders geht, dass sie sich, aufgewachsen in einer unkomplizierten, aber auch unübersichtlichen Welt, ein vermeidlich natürliches Verhältnis (“so wie andere Länder eben auch”) zum eigenen (Deutsch-)Land herausnimmt. Die Gründe dafür sind vielschichtig, die Sehnsucht nach Sicherheit und Halt versprechenden Werten, ein Erklärungsmodell für unerklärbare Phänomene wie die Globalisierung, die Sehnsucht nach dem Gleich-sein mit anderen Nationen, es wird viele Gründe geben.
Ob mit einem solchen “neuen Patriotismus” aber auch nur ein deutsches Problem aus der Welt geschafft werden kann, wie bereits beschrieben “weggefreut” werden kann, wird die nächste Zeit erweisen. Hohe Arbeitslosigkeit, ein verkrusteter Staat, eine enorme Staatsverschuldung, das Zusammenbrechen traditioneller Institutionen wie der Familie bei einem gleichzeitig (ideologisch oder religiös motivierten) Festhalten an längst nicht mehr haltbaren Strukturen (Vatti arbeitet, Mutti steht am Herd und nährt mind. 3 Kinder), eine beispiellose Mitnahme-Mentalität der Eliten, Mut- und Einfallslosigkeit der Politik – es gibt viel zu tun.
Und niemand, wirklich niemand sagt klar, wie die tatsächlich auf dem Tisch liegenden Probleme mit der aufgekommenen Halli-Galli-Stimmung und dem ‘neuen Deutschland-Gefühl’ gelöst werden können. Es erinnert in sehr kleinen Teilen an den Hurra-Patriotismus um 1914, als man eine (vor allem außenpolitisch) schwierige Lage durch das begeisterte Singen von deutschen Liedern, die Verpreußisierung (was fast identisch war mit einer Militarisierung) der Gesellschaft zu lösen gedachte.
Von unangenehmen Wahrheiten, etwa vom nötigen Sparen, traut sich niemand zu sprechen. Niemand sagt laut, dass, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, die medizinsiche Versorgung aufgrund der Kassenlage eingeschränkt werden oder (horribile dictu) die Pflege der Autobahnen mangels Geld eingestellt gehört. Niemand denkt daran, von Besitzständen zu lassen, Sicherheiten aufzugeben und das alte Denken zu verlassen. Nicht No-Go-Areas sind das Problem, sondern No-Thinking-Areas.
Eine andere Überlegung ist, ob das Fahnengeschwenke, die ostentative Betonung eines unverkrampften Verhältnisses zum eigenen Land das erste (?) Aufbäumen einer demographisch verschwindenden Bevölkerungsgruppe, nämlich der Jugend, gegen die Tabus setzende (und immer älter werdende) Mehrheit der Baby-Boomer darstellt. Das kontrollierende Über-Ich wird ad absurdum geführt, indem man zeigt: schaut, das geht doch mit der Fahne.
Und noch etwas: Kein Kommentator, der die vielen Deutschland-Fähnchen an den Autos als Ausdruck eines neuen, unbeschwerten, unschuldigen Nationgefühls pries, hat sich bisher gefragt, warum so viele, und zwar die bei weitem überwiegende Mehrheit, keine Fahnen aus dem Fenster hängte und sich kein Schwarz-Rot-Gold an das eigentliche Nationalheiligtum, das Auto, klemmte. Gehört wird in der Menge, wer am lautesten brüllt, wer schrill ist, sich das Gesicht schminkt, “Deutschland, Deutschland” gröhlt (aber merkwürdigerweise auch kein Wort mehr: der 50 Jahre währende Nationalschmerz scheint auch die Kreativität und das passende Liedgut gekostet zu haben).
Am Tag, als der Tod von Robert Gernhardt, einem unserer großen Dichter, bekannt wurde, fuhr das deutsche Nationalgewühl hupend durch die Straßen ob des Sieges über Argentinien. So siehts aus.