Henryk M. Broder schreibt auf SPIEGEL Online über den neuen Hitler-Film von Dani Levy und die Schwierigkeiten, eine Komödie über Hitler zu drehen:
Schon der “Respekt vor den Opfern” verbiete es, eine Komödie über eine menschliche Tragödie zu machen.
Wenn es nur so wäre. Tatsächlich werden nicht die Opfer geschont, sondern es sind die Erben der Firma Hitler & Partner, die sich auch über 60 Jahre nach dem Big Bang um eine grausame Einsicht drücken: dass die Deutschen nicht von einem Dämon, sondern von einem impotenten Würstchen mit Blähungen verführt worden sind. Von einem Dämon verführt zu werden ist schlimm, von einem Würstchen verführt zu werden ist peinlich – als würde ein Mann damit angeben, er habe eine Affäre mit Pamela Anderson, um schließlich mit einem hässlichen Entlein in flagranti erwischt zu werden. Das ist es, worunter die Deutschen bis heute leiden, was sie sich nicht vergeben können: Das Dritte Reich ist ihnen peinlich. Und über diese Peinlichkeit hilft keine Therapie hinweg. Nicht einmal der Beinah-Endsieg bei der Fußball-WM oder die Beliebtheit von Porsche in den USA.
Na gut, na gut, lieber Henryk M. Broder, der Seitenhieb auf die WM hätte nicht auch noch sein müssen, aber der Rest ist gut beobachtet. Und dass Hitler & Partner so schön nach Unternehmensberatung oder Anwaltskanzlei klingt, soll hier auch gewürdigt sein. Uns ist es schon immer sauer aufgestoßen, wenn irgendwo von Dämonen und “dem Dämonischen” die Rede war, nicht nur in diesem Zusammenhang. Viel zu selten wird stattdessen von “dem Würstchenhaften” der Mörder gesprochen.
Ein Kommentar
“In meinem Film bin ich Gott und stehe über Hitler. Ich weiß, dass das an der Katastrophe nichts mehr ändern wird, aber ich habe die Kraft, neue Bilder zu schaffen.”
“Mein Führer” sei vielleicht “der persönlichste Film geworden, den ich bisher gemacht habe”. Seine Beschäftigung mit seinen Ängsten, dem “nie durchbrochenen Schweigen meiner Mutter über die Gräuel der Vergangenheit”, mit “den Schmerzen durch die Vernichtung meiner Vorfahren” und mit “den Bildern vom Holocaust, die ich nicht loswerde”, mache er mit diesem Film öffentlich, “indem ich dem System des Nationalsozialismus zutiefst subjektiv begegne. Für mich ist das ein großer Schritt in die Welt. Da geht der kleine Dani raus in die brutalste Vergangenheit, ohne zu wissen, ob er dafür warm genug angezogen ist.”
“Im Prozess des Filmemachens durchlaufe man “viele Phasen der Verunsicherung … der nachträgliche Erklärungsbedarf der euphorischen Uridee tut immer weh”. Deswegen seien auch “die Phasen der Diskussion mit Verleihern, Kinobetreibern und Zuschauern so anstrengend. Die Frage ist: Hältst du aus, was du im Film behauptest, wenn du von draußen Gegenwind bekommst?” Jeder Film sei “eine Einschätzung der eigenen Kräfte. Bin ich wirklich vorbereitet, mit Holocaust-Überlebenden zu diskutieren, der Political Correctness dieses Landes zu begegnen und aus allen Ecken die Bedenkenträger zusammenzutrommeln, die sich gegen mich verschwören?” Levy: “Wenn die Tsunamiwelle der Kritik über mich hereinbricht, muss ich manchmal stärker sein, als ich eigentlich bin.”
Dani Levy im Interview
DIE ZEIT – FEUILLETON – 11.01.2007
Diese Motive machen das Werk für mich nun tatsächlich verständlich. Es geht weit über die öffentliche Diskussion hinaus, hinein in die Persönlichkeit des Filmkünstlers und Juden Dani Levy. Auch wenn sich mir eben diese persönliche Dimension nie erschliessen wird, bin ich doch nur Rezipient und nicht Urheber des Werkes – so nötigt doch spätestens sie mir jenen Respekt ab, den ein solcher Film bei einem Publikum, welches sich eben nicht mit dem Filmemacher auseinandersetzt, nicht immer voraussetzen kann.
Ich bin mir nicht sicher, ob Deutschland den Film tatsächlich braucht. Was Deutschland aber wirklich nötig hat, sind mehr Filmemacher, die von Motiven, wie Dani Levy sie beschreibt, getrieben werden.