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Michel Serres in der FAZ: Fahrer statt Passagier

Aaaah, was für schöne Gedanken kann man in der Zeitung lesen. Man muß halt nur das richtige Blatt wählen, gell, lieber Bildblog ;-)

In der FAZ vom 10.02. findet sich der allmonatliche “Blick in französische Zeitschriften”, diesmal in die Zeitschrift Médias. Dort wird ein Interview mit dem französischen Philosophen Michel Serres referiert und ich muß sagen: sehr witzig, sehr erhellende Einsichten.

Bemerkenswert finde ich seine Analyse von Fernsehinterviews, die Beobachtung ist ein Nebenprodukt seiner Recherchearbeiten. Ihm ist aufgefallen, dass in Gesprächen aus der Fernsehsteinzeit die Interviewer nicht zu sehen waren und sich diese erst im Fortgang der letzten Jahrzehnte immer mehr Platz und Bildschirmpräsenz erobert haben. “Schließlich wichen die Gespräche den Talkshows.” Und jetzt haben wir den Salat mit dieser unseligen Beckmann-Kerneresken Plage.

Serres schwärmt auf originelle Weise vom Internet. Seiner Meinung nach habe der Fortschritt zunächst den Bauarbeitern die Schaufel aus der Hand genommen, jetzt seien auch mal die Intellektuellen dran… Er habe bei seiner Arbeit zwanzig Jahre in staubigen Archiven verbracht, jetzt genüge ihm ein Knopfdruck zur Beschaffung der Informationen. [Und diese Bemerkung sei erlaubt: wer jemals vor etwa 10 Jahren dem Choleriker in der Fernleihe der Universitätsbibliothek der FU Berlin begegnet ist, der weiß, wovon Monsieur Serres redet... Hä, hä, hä, das wollte ich schon lange mal loswerden. Die Rache des Blogi-Ritters.] Die FAZ schreibt anerkennend, der 77jährige sei mit der Realität der Virtualität vertraut wie kaum ein anderer Philosoph. Hut ab.

Und weiter heißt es in der FAZ:

“Wir wissen sehr wohl, dass Gutenberg eine Bibel druckte. Nie aber wird erwähnt, was dann an die Reihe kam, die ganze Pornographie – die Gewaltdarstellungen inklusive. Die Bibliotheken waren voll davon.” Bücher, sagt der Philosoph, sind nicht a priori besser oder selektiver als der massenhafte Schund im Internet – und zitiert ‘Mein Kampf’.

Bravo, bravo, bravo. Und noch was schönes:

Kürzlich war der Philosoph in Peru. In den kleinsten Dörfern der Anden besuchte er die Cybercafés. Auf den abgewetzten Tasten der Computer konnte er die Buchstaben nicht mehr lesen. “Jetzt war plötzlich ich der Analphabet. Die anderen störte das nicht. Ich war bei Indianern, die über keine Schrift verfügen. Mit den neuen Technologien holen Sie einen Rückstand von viertausend Jahren auf.”

Serres Feststellung “Vor dem Fernseher ist der Mensch Passagier, am Computer ist er der Fahrer” bewahrheitet sich immer wieder in den unterschiedlichsten Facetten.

Bitte, liebe FAZ, wie wäre es, wenn man das Interview mal vollständig abdrucken würde? Wäre sicher interessant.

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    Ich finde Niemanden, der so häufig Recht hätte, wie ich ! (Arno Schmidt: Die Umsiedler, BA I/1, S. 275)

    Das Verzweifelte, daß die Praxis, auf die es ankäme, verstellt ist, gewährt paradox die Atempause zum Denken, die nicht zu nutzen praktischer Frevel wäre. (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 243)

    Schlechtes Benehmen halten die Leute nur für eine Art Vorrecht, weil keiner ihnen aufs Maul haut. (Klaus Kinski)

    I cannot persuade myself that a beneficent and omnipotent God would have designedly created parasitic wasps with the express intention of their feeding within the living bodies of Caterpillars. (Charles Darwin)

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