Wie unsäglich und stereotyp das TV-Melodram “Die Flucht” auch immer gewesen sein mag, wie realitätsfern auch immer des Volkes Sehnsucht nach einem trotz aller Nazi-Verbrechen unbefleckten deutschen Adel sein mag, auch eine mißlungene Schmonzette hat das Recht auf eine neutrale Beurteilung. Diese leistet der Politikwissenschaftler Peter Reichel in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur. Wer also etwas mehr wissen will über Gräfinnen auf Trakehner-Hengsten, deutschen Opfermythos und die revisionistische Tendenz, für die “Die Flucht” nur ein Symptom ist, der oder die lese nach. Hier ein Ausschnitt aus dem Interview:
Der Film unterstützt das wohl nicht vorsätzlich, aber ich sehe eine deutliche Anbindung an das, was durch die Vertreibungsausstellung, insbesondere in dem Zentrum, und durch die neue medialoffensive Geschichtspolitik der Frau Steinbach im Gange ist. Ich versuche das mal auf eine griffige Formulierung zu bringen und auch die Differenz, den Wandel, die Veränderung in der Geschichte der Vertriebenenverbandspolitik anzudeuten, was lange Zeit anrüchig und anstößig war im In- und Ausland. Also die so genannte Aufrechnungspolitik der Zeit des Kalten Krieges ist passé. Was heute gemacht wird, ist eine nicht Aufrechnung, sondern Aufwertung der Leiden der Vertriebenen. Das geschieht auf eine Art und Weise, dass Flucht und Vertreibung auch den Rang, den Status einer Deportation bekommen, damit ein Menschlichkeitsverbrechen werden, in die Nähe des Völkermordes gerückt werden, und das halte ich für ausgesprochen fatal.
Interview mit dem Politikwissenschaftler Reichel über den Fernsehfilm “Die Flucht” im Deutschlandradio Kultur: Eine fatale Gleichsetzung (vollständiger Interview-Text). Zum Anhören bietet Deutschlandradio das Interview auch als MP3 an.
Drüber geschrieben hat auch der Blog Kulturelle Welten.