Wir ehren heute den großen, den sehr großen Georg Elser. Auch wenn es dem lieben deutschen Volk nicht in den Kopf will, dass ein einfacher Mann, ein Schreiner, bereits 1939 den Mut hatte, Hitler in die Luft sprengen zu wollen, lange vor dem Kreis um Stauffenberg.
Um so weit wie Elser zu kommen, mussten die Adligen um Stauffenberg erst Ihre Militär-Karrieren voranbringen, sich am Polen-Feldzug beteiligen (was aufgrund des gesellschaftlichen Standes der Beteiligten fast immer hieß: ihn planen und leiten) und schlaue Briefe an ihre Frauen im heimatlichen Berlin schreiben:
Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun.1
Ich denke, man kann mit Fug und Recht sagen, dass die zu einem “deutschen Widerstand” glorifizierten Helden des 20. Juni (in Wirklichkeit ein Häufchen Versprengter) mit ihrer militärischen Drecks- und Ausrottungsarbeit munter weitergemacht hätten, wenn, ja wenn man mit Hitler weiterhin Sieg auf Sieg gefeiert hätte. Da sich das Blatt aber wendete, entschloß man sich 1944 (!) zu einer halbherzigen Tat. Zuvor war eben auch ein Herr Stauffenberg nur ein Mitläufer, wie so viele.
Heute morgen sagte Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, im Deutschlandradio Kultur, auf die Frage, ob Stauffenberg denn vor dem Attentat überhaupt Bedenken gegenüber den Nazis gehabt hätte:
Also, ganz, ich glaube, es war nicht mal ambivalent, sondern er war entschieden. Er war ein Funktionsträger eines Staates, der von der NS-Führung geleitet wurde, und der Ziele vertrat, die Stauffenberg mit Sicherheit mit den Nationalsozialisten geteilt hat. Also, das Problem ist, dass er diese Übereinstimmung überwindet. Er ist Funktionsträger des Staates, er dient in der Wehrmacht, er steigt auf – die Wehrmacht bot damals hervorragende Aufstiegschancen, weil sie ja kräftig expandierte -, er nahm am Krieg gegen Polen, gegen Frankreich teil, und uns ist eigentlich auch nicht überliefert, dass es dort zu einem großen, moralischen Bruch kam. Die Deutschen waren, ebenso wie Stauffenberg, von den Siegen der Nationalsozialisten fasziniert. Der Bruch trat eigentlich ein, als er merkte, wie die fremdvölkischen, in Weißrussland, in der Ukraine behandelt wurden, als Sklaven, als Untermenschen. Er war viel stärker der Meinung, man müsse gewissermaßen mit diesen Kräften, die er dort sah, gegen den Bolschewismus kämpfen. Das war der erste Punkt. Der zweite Punkt, der wichtig war, ein enger Freund von Stauffenberg, Axel von dem Bussche, hatte unmittelbar eine Erschießung von 2000 Juden erlebt und hatte berichtet von diesem Verbrechen, die auch in der Wehrmacht nicht unbekannt waren. Ich vermute, aber da gibt es keine eindeutigen Beweise, es wäre schön, wenn wir eine ganz klare Aussage von Stauffenberg hätten, aber wir haben sie nicht direkt von ihm, dass die Auseinandersetzung mit dem Mord an den Juden für ihn ein moralischer Ausgangspunkt gewesen wäre. Und der dritte Punkt, der, glaube ich, ganz entscheidend ist, ist die Kritik an der dilettantischen Kriegsführung. Er regt sich unheimlich darüber auf, dass diese Führung Menschen opfert, dass sie den Rückzug verbietet, dass sie Flexibilität verbietet.2
Ich empfehle die Lektüre des ganzen Interviews.
Aber da muß man schon zweimal lesen, um zu verstehen, dass Stauffenberg mit den Völkern des Ostens lieber gegen den Bolschewismus gekämpft hätte, als sie von seinem eigenen Verein umbringen zu lassen, aber das Umbringen an sich eben nicht soooo schlimm sei, man würde damit halt nur eine Chance vertun. Und erstaunlich erscheint es uns Heutigen auch, dass es keine direkten Äußerungen von ihm darüber gibt, “dass die Auseinandersetzung mit dem Mord an den Juden für ihn ein moralischer Ausgangspunkt gewesen wäre”.
Im Interview mit Steinbach kommtes übrigens auch zu einer Aussage, die selbst in ihrer Grammatik die prekäre Erinnerungslage der Deutschen gut ausdrückt: “[...] und dann geriet Stauffenberg eigentlich in das Erinnerungsgefüge der Bundeswehr”, so Steinbach. Genau, man hat sich einen eigenen glorreichen und — gottseidank — auch noch adligen Widerstand zurechtgedichtet. Der anständige Deutsche hat sich ein Phantasma gestrickt, das unantastbar scheint.
Wir trinken heute auf Georg Elser.3
- Claus Schenk Graf von Stauffenberg in einem Brief an seine Frau Nina aus dem besetzten Polen, Ex: Wikipedia [↩]
- Hier das ganze Interview: Stauffenberg-Biograph Steinbach über die Verfilmung des 20. Juli: “Ein Sieg für Scientology” [↩]
- Das Bild von Georg Elser wurde freundlicherweise vom Ökumenischen Heiligenlexikon “gemeinfrei gestellt” [↩]
Ein Kommentar
Georg Elser war ein mutiger Mann.
Das Urteil über Stauffenberg finde ich hingegen schwierig. Wir sind nicht dabeigewesen. Da ist über Motive schwer richten. „Zurechtgedichteter Widerstand“ finde ich zu hart.
Aber — und da sprichst Du mit dem Unterschied zwischen Elser und der Gruppe des 20. Juli schon etwas an — problematisch ist die Vereinnahmung durch den Staat für aktuelle Ziele — die DDR ließ nur den kommunistischen Widerstand gelten und in der Bundesrepublik finden am 20. Juli Bundeswehrgelöbnisse statt.