Liest man das 2005 recht kontrovers diskutierte Buch Hitlers Volksstaat. Raub. Rassenkrieg und nationaler Sozialismus von Götz Aly1, und das tue ich gerade, dann kommen einem bei der Lektüre merkwürdige Querverbindungen zur Jetzt-Zeit in den Sinn. Etwa die (nicht nur aufgrund ihrer letzten Äußerungen) unselige Eva Herman2, aber vor allem die (von Götz Aly aufgrund eines anderen Erkenntnisinteresses nicht systematisch weiterverfolgten) Querverweise auf Politiker, Banker und andere Akteure der Bundesrepublik, die ihre Tätigkeit im Dritten Reich gewissenhaft und effizient ausführten3 und dies auch in der Bundesrepublik weiter getan haben. Nichts neues eigentlich, Aly weist selbst darauf hin:
Die tausendfachen personellen und geistigen Kontinuitäten, die aus der Zeit des Dritten Reiches in die Bundesrepublik führen, sind unstreitig: darüber muss nicht ständig gesprochen werden. Verfolgte man die späteren Karrieren der in diesem Buch genannten Reichsbank- und Ministerialbeamten, ließe sich leicht die Hälfte des Platzes mit postfaschistischen Anekdoten und unglaublich wahren Geschichten füllen. (S.63)
Beim Lesen stolpert man dann zwar doch, etwa über einen 27jährigen Hanns Martin Schleyer als Besatzungsfunktionär in Prag, der 1942 voller Tatendrang seinen “Einsatz für die Bewegung auch nach der Machtübernahme” (S.13) hervorhebt, oder einen Karl Blessing, späterer Präsident der Bundesbank, der als Vertreter der Reichsbank in einer Sitzung ein ökonomischeres Verfahren zur Verbuchung der “Sühneleistung”4 vorschlug (S.60).
Viel interessanter als die bekannten personellen Kontinuitäten sind da andere Hinweise auf Dinge, Institutionen, Regelungen, die uns noch heute in unserem Alltag begleiten, uns wie gottgegeben oder eben schon immer vorhanden vorkommen, es aber nicht sind:
Die NS-Führung vermittelte einen ersten Vorgeschmack auf die Volksmotorisierung, sie führte den bis dahin fast unbekannten Begriff Urlaub ein, verdoppelte die Zahl der freien Tage und begann, den heute vertrauten Massentourismus zu entwickeln. [...]
Von Anfang an förderte der NS-Staat die Familien, stellte Unverheiratete wie Kinderlose schlechter und schützte die Bauern vor den Unwägbarkeiten des Weltmarkts und des Wetters. Die Grundlagen der EU-Agrarordnung, das Ehegattensplitting, die Straßenverkehrsordnung, die obligatorische Haftpflichtversicherung für Autos, das Kindergeld, die Steuerklassen oder auch die Grundlagen des Naturschutzes stammen aus jenen Jahren. (S.19f.)
Wenn man demnach als verheirateter Familienvater (Ehegattensplitting betreibend, Kindergeld kassierend, Lohnsteuerklasse III) im Urlaub auf eine Naturschutzdemonstration zugunsten der Renten der vom Wetter bedrohten Bauern geht (und dort mit dem Auto hingefahren ist), dann bewegt man sich praktisch in einem komplett nationalsozialistisch geprägten Umfeld. Oder?
Die Grundthese des Buches, dass ein “offenkundig betrügerisches, größenwahnsinniges und verbrecherisches Unternehmen wie der Nationalsozialismus” sein kaum erklärbares Maß an innenpolitischer Integration (S.36) vor allem (!) durch wirtschaftliche Vorteile der verbliebenen “deutsch-arischen Bevölkerung” erreicht hat, erscheint mir übrigens nachvollziehbar und logisch, aber dafür muß ich noch weiterlesen. Demnächst mehr.
- Hier eine Überblicksseite in der Wikipedia zu dem Buch [↩]
- By the way: auf der Website von Frau Herman findet sich das Original-MP3 des Diskussionsbeitrages, der ihr so viel Ärger eingebracht hat. Offensichtlich um nachzuweisen, dass das alles nicht so gemeint war. Hört man sich das aber an, glaubt man es kaum, wie da besinnungslos dahergeschwurbelt wird, es ist schlicht nicht zu fassen. [↩]
- Etwa die Eintreibung von Vermögenswerten jüdischer Mitbürger zur Sanierung des kurz vor dem Kollaps stehenden Staatshaushaltes des deutschen Reiches [↩]
- Die “Sühneleistung” ist ein Nazi-Euphemismus für das Eintreiben von 1 Milliarde Reichsmark bei der jüdischen Bevölkerung zugunsten des deutschen Staatshaushaltes nach dem Pogrom im November 1938. Nach Alys Darlegung war der deutsche Staatshaushalt zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor dem Zusammenbruch, eine (auch) ökonomische Motivation für die gesteuerten Pogrome und die anschließende “Sühneleistung” läge demnach nahe. [↩]