Ich kann es der werten Leserschaft nur empfehlen und, auch wenn zu dieser Jahres- und Festzeit dort wenig Platz ist, ans Herz legen: lest die Originale, vorurteilsfrei und ohne an die Verballhornungen der Gegenwart zu denken.
Was meine ich? Ich meine natürlich die ehrwürdigen Klassiker, die Fixsterne am Firmament1 der Literatur, die man eventuell als Jugendliche/r mal gelesen, für gut befunden und unter “Gelesen” abgelegt hat.
Hier ist als allererstes Bram Stokers Dracula zu nennen, ein großartiges Buch, das völlig anders ist als man es aus der Adaption in der Trivialkultur des Films, den etlichen Dracula-Erzählungen und -Romanen und eben auch aus den Jugendbüchern kennt. Hier sei nichts weiter verraten, aber unbedingt das nicht verjugendlichte Buch lesen, keine gekürzte Version, sondern eine sorgfältig edierte vollständige Fassung (oft gibt ein Vor- oder Nachwort darüber Auskunft). Lesebebefehl!
Desweiteren Moby Dick in der Neuübersetzung vom großartigen Friedhelm Rathjen, den wir einmal auf literarischer Mission in einem früheren Leben kennenlernen durften. Auch dieses Buch ein Hammer, die dem Angelsächsischen zugetanen Menschen wissen es ohnehin längst, wir mussten es aber erst mühsam lernen, dass der vermeintliche Walroman ein Lebenspanorama, ein philosophischer Schinken erster Güte, eine Parabel, ein Fischerei-Lehrbuch und ein spannendes Lebens-Werk ist (und wer in der Bett-Szene mit Queequeg kein homoerotisches Sex-Abenteuer liest, dem sei (nochmal) Arno Schmidts Sitara und der Weg dorthin oder gleich Zettel’s Traum empfohlen…)
Der eigentliche Grund für diesen Beitrag ist aber der neueste Teil unserer Wiederentdeckung von verballhornten Klassikern aus der Jugendliteratur, die eigentlich ganz andere Bücher sind als jene, die man als 14 oder 15jähriger gelesen hat: Robinson Crusoe. Oder, da jetzt nämlich die Lektüre der nicht verjugendlichten, ungekürzten Fassung ansteht:
The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: who lived Eight and Twenty Years, all alone in an uninhabited Island on the coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself.
Und auf Deutsch:
Leben und wunderbare Abenteuer des Robinson Crusoe, Seemann aus York, der 28 Jahre lang ganz einsam auf einer unbewohnten Insel an der Küste Amerikas nahe der Mündung des großen Flusses Orinoko lebte, wohin er als einziger Überlebender der ganzen Mannschaft durch Schiffbruch verschlagen war; nebst einem Bericht über seine wunderbare Befreiung durch Piraten. Beschrieben von ihm selbst.
Das sind doch noch Buchtitel…
Jedenfalls schlägt man den Robinson auf und lernt auf der ersten Seite auf den ersten Zeilen: eigentlich war Robinson Crusoe ein Deutscher, sein Vater ein Bremer und sein eigentlicher Name Robinson Kreutzner. Erstaunlich, erstaunlich, erst die üblichen englischen Verballhornungen von schwierigen Wörtern durch seine Kameraden hätten daraus Crusoe gemacht, wie er berichtet. Das fängt ja gut an, ein Deutscher auf Insel-Urlaub, was wird da noch folgen?
Wir berichten. Demnächst mehr in diesem Theater.
- Und flugs im alten Meyer nachgeschaut, woher denn der Begriff des Firmaments kommt, den man doch viel lieber, einer unbewußten Kraft folgend, als “Firnament” aussprechen möchte: (lat.), die Himmelsfeste, der sichtbare Himmel, der nach der Vorstellung der Alten fest (firm) war; f. Himmel Ja, ja, die Alten, sehr schön, wenn man die auch mal so erwähnt. [↩]