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Rainald Goetz über Berlinale-Gespenster 2009

Rainald Goetz schreibt in seinem Blog KLAGE über die Berlinale 2009:

Von oben sah ich, wie Antje Vollmer auf dem Balkon schräg unter meinem Treppenvorsprung stand. Sie hatte sich ins letzte hintere Eck verzogen, hing am Tresen der ZDF-Lounge, mit einer grotesk aufgedonnerten Ommakostümierung bekleidet, an einer ähnlich crazy verkleideten anderen 65-jährigen Frau im weinrot-schwarzen Wickelhängekleid dran und redete ganz intensiv mit der. Sie hatten sich gemeinsam paarhaft, Thema: weinrote Farben, für große Gesellschaft hergerichtet, FESTLICHE Abendgarderobe hatte die Einladung zum Eröffnungsempfang erbeten, und Frau Vollmer hatte sich zur Feier des Abends ein totes Fischgerippe in die Spinatwachtelhaare gelegt, als ebenfalls weinrotfarbenes Schmuckstück, und weinrot waren auch ihre ellenlangen, feucht schimmernden Handschuhe, die ihr tatsächlich bis zum Ellbogen gingen, weinrot war das Pastorinnenwickeltuch, das ihre Begleiterin sich um Unterbauch, Hüfte und Popo gewickelt hatte. Es schaute grausam aus. Es war furchtbar. Ich konnte gar nicht mehr wegschauen.

Ich konnte nur Sachen denken, die gesetzlich definitiv verboten waren. Was waren das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein VERBRECHEN gewesen wäre, weil es das Schweigen ausgeschlossen hätte, das gegen die Untat der Teilhabe an der gigantischen Gut-finde-Industrie, die sich hier versammelt hatte, protestieren hätte können? Zustimmung, Begeisterung, Kasse, das war das industriell durchorganisierte Programm, Kritikschleife und Neinarabeske bekanntlich natürlich eingeschlossen. Aber Zustimmung und Begeisterung waren doch auch die höchstprivaten Geisteszustände der Welterschließung, die Vorgestalt jeder schönen Produktivität. Alienation und Agonie, Hass und Horror, Hölle, Teufel, Tod und: Wortstillstand. Ich stand da und schaute vor mich hin.

So wird es sein.
Rainald Goetz: Berlinale 2009

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Ein Kommentar

  1. littletinyfarts
    Erstellt am 22.02.2009 um 17:46Uhr CET | Permanent-Link

    hallo goetz ich hab’s gar nicht gelesen weil ich kann mich nicht KONZENTRIEREN momentan und ich will auch gar nicht weil for everything (turn turn turn) there is a season es geht nur darum dass Sie meine mail-addresse haben weil man kann nie wissen (habe gerade eine telefonnummer in berlin angerufen das war wohl das
    salzamt hat mir meine wenigen nerven gekostet) punkt

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    Ich finde Niemanden, der so häufig Recht hätte, wie ich ! (Arno Schmidt: Die Umsiedler, BA I/1, S. 275)

    Das Verzweifelte, daß die Praxis, auf die es ankäme, verstellt ist, gewährt paradox die Atempause zum Denken, die nicht zu nutzen praktischer Frevel wäre. (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 243)

    Schlechtes Benehmen halten die Leute nur für eine Art Vorrecht, weil keiner ihnen aufs Maul haut. (Klaus Kinski)

    I cannot persuade myself that a beneficent and omnipotent God would have designedly created parasitic wasps with the express intention of their feeding within the living bodies of Caterpillars. (Charles Darwin)

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