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Was ist das Hinterziehen von 1 Mio. € gegen 100 €?

Was ist jetzt los? Allerorten hört man plötzlich, dass das mit dem Steuerhinterziehen (oder, wie ich es gestern abend im TV gehört habe, vornehm, vornehm: Steuerverkürzen)1 ja nicht so wild sei, schließlich würden wir das alle tun.

Mit einem beckmannsch-maischbergerisch-kernerischen Augenzwinkern wird plötzlich eine merkwürdige, scheinhafte Kumpanei zwischen Millionären und ärmsten Arbeitnehmern und Hartz-IV-Empfängern gestrickt: “Mensch, wir sind doch alle gleich, wir sind halt alle kleine Steuer-Schlingel. Hä, hä, hä, sind halt alle nicht ganz unschuldig, gell?” Die Pseudo-Kumpanei kommt einem ähnlich durchsichtig vor wie der Firmenchef, der 1 x im Jahr zur Weihnachtsfeier seinen Kollegen das Bier zapft, die alte Herr-und-Knecht-wechsele-Dich-Geschichte, die doch keiner der Beteiligten ernst immt. Nie wahr, aber immer Balsam für die beschädigten Seelen der kleinen Leute. Siehste Emma, ditt iss doch och nur’n Mensch, der Zumwinkel.

Die klare Benennung der Straftat wird so zur naiven (und wie wir als TV-Seher sagen können: gut kerner’schen) Rechtfertigung des Nun-einmal-so-Seins, die vorausgesetzte Unabänderlichkeit der menschlichen Natur macht die Taten quasi unausweichlich. Dunkle Liechtensteinische Mächte zwangen mich auf diesen dunklen Pfad, hier steh’ ich nun und kann nicht anders.

Der Trug der nun plötzlich allgemein werdenden Sünde (à la “Der werfe den ersten Stein…”), der Vorrang des heimelig-klebrigen “Allgemeinmenschlichen” macht das Besondere (etwa: Herrn Zumwinkel) zum bloßen, zufällig an die Oberfläche kommenden Reflex, dessen Fall blitzartig an Bedeutung verliert. Dabei könnte am Einzelnen, nehmen wir beispielsweise jenen Herrn Z., die gesellschaftliche Mechanik pars pro toto in ihren Ausprägungen demonstriert werden:

Nietzsches Feststellung, dass “die Ähnlichseherei und Gleichmacherei das Merkmal schwacher Augen” sei, trifft eben auch hier zu. Vielmehr ist aber doch die Genese des Herrn Z. eben auch ein Lehrstück darüber, was für Menschen an Konzernspitzen gespült werden.

  1. (Mit spitzem Mund zu sprechen): Oho, wir verkürzen uns die Steuer etwas. Wir machen ein paar Abnäher in unsere Steuererklärung, einen hier, einen da, dann sitzt das Ganze etwas kürzer…” []
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  • Motti

    Ich finde Niemanden, der so häufig Recht hätte, wie ich ! (Arno Schmidt: Die Umsiedler, BA I/1, S. 275)

    Das Verzweifelte, daß die Praxis, auf die es ankäme, verstellt ist, gewährt paradox die Atempause zum Denken, die nicht zu nutzen praktischer Frevel wäre. (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 243)

    Schlechtes Benehmen halten die Leute nur für eine Art Vorrecht, weil keiner ihnen aufs Maul haut. (Klaus Kinski)

    I cannot persuade myself that a beneficent and omnipotent God would have designedly created parasitic wasps with the express intention of their feeding within the living bodies of Caterpillars. (Charles Darwin)

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