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Anläßlich eines Beitrages im Deutschlandradio: 68er-Bashing der wenig durchdachten Sorte

Gehört
Tz, tz, tz, wie soll man die Woche beginnen, wenn man morgens beim Frühstück einen so unseligen Kommentar im Radio hört…? Geschrieben hat ihn Michael Felten1, nachlesen kann man ihn hier:Kinderillusionen. 1968 und die Pädagogik. Der Kommentar reiht sich nahtlos ein in die lange Reihe des z.Zt. gerade aus Jubiläumsgründen beliebten 68er-Bashings ein, kann aber – trotz hehrer Vorbilder – an Einfalt, simpler Weltsicht und monokausalem Denken neue Maßstäbe setzen.

Im Einzelnen:
Spricht die Einleitung noch bemüht-engagiert vom “Ringen um die Kinderherzen” (man sieht sofort vor seinem geistigen Auge die stets bemühten Pädagogen schweiß-, ja blutüberströmt, gegen dunkle Mächte kämpfend…), folgt schon im nächsten Satz die ironische Distanzierung von Bemühungen, die als Ziel die Schaffung eines neuen Menschen hatten. Aber ist das nicht ein hehres, erstrebenswertes Ziel, ganz in der Tradition der Aufklärung stehend (in der übrigens auch die Pädagogik in unserem heutigen 20-21.jahrhundrigen Sinne ihre Ursprünge hat)? Was ist so schlecht daran, gut schillersch-goetheisch, einen neuen Menschen zu schaffen, wenn der alte so schlecht ist? Und was ist das für ein Pädagoge, der keinen neuen Menschen schaffen will?

Oberlehrerhafte Platitüden von Platon bis Plotin
Felten gesteht im Folgenden den umgekrempelten Familienbeziehungen, der “Umwertung aller Werte” durchaus ihre Erfolge zu2, um dann altklug, aber deshalb nicht überzeugender zu schließen:

Worüber die Protagonisten von einst nämlich gerne hinwegsehen: Man muss den 68er Visionen auch allerlei riskante Nebenwirkungen bescheinigen.

Bleibt zu fragen, welche der Protagonisten von damals Felten denn zu dieser sensationellen Erkenntnis gesprochen oder gelesen hat, wen er meinen könnte. Aus der heutigen Position des 2008ers läßt sich eben leicht über Nebenwirkungen schwadronieren, keine Frage. Aber welcher Akteur des Jahres 1968 wird je bestritten haben, dass Experimente, und eben auch pädagogische Experimente, “allerlei riskante Nebenwirkungen” haben? Na? Genau, niemand wird das je bestritten haben, der oder die halbwegs bei Trost ist. Eine naiv erwartete Universalbeglückung, eine unreflektierte, bloß aktivistische Pädagogik kann man den damaligen Mitwirkenden nun wirklich nicht unterstellen. Die von Felten gewählte Sichtweise zeigt lediglich die nachträgliche Häme und den Habitus des Besser-Wissenden gegenüber den Damals-Handelnden. Keine große Erkenntnis, 40 Jahre später.

Konservative Welt-Angst
Und wie ist das überhaupt mit Experimenten, in der Physik ebenso wie in der Pädagogik? Wo würde man hinkommen, wenn man keine mehr unternähme? Scheut Felten als Sprecher einer “Zurück zu den Werten” kommenden Pädagogik schon das Experiment selbst? Es scheint so, denn im Folgenden wird das (Trauer-)Lied der leider verlustig gegangenen “Erziehungsgewissheiten”, der ausgedienten “traditionelle[n] Wertorientierungen” gesungen. Das Ende vom Lied im O-Ton Felten:

Das Resultat ist zwiespältig, teilweise bedrückend: Heute dürfen Kinder zwar mehr denn je – zur Not ihre Eltern auch mal schlagen -, aber sie sind auch unzufriedener als früher, mit sich, mit anderen, mit dem Leben. Die Übertragung politischer Kategorien – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – auf den Erziehungssektor war eben ein Systemfehler: Denn zu frühe Selbstbestimmung ist eine unnötige Bürde für Kinder, zu viel Bedürfnisbefriedigung führt zu Enttäuschungen, zu undeutliche Maßstäbe bewirken mangelnde Orientierung, fehlenden inneren Halt.

Was für ein Bild von der Republik da draußen: orientierungslose, unzufriedene, enttäuschte Kinder, die ihre Eltern schlagen… Sieht die Welt so aus? Oder sieht sie so einer, dem selbst die eigenen Werte ins Schwimmen gekommen sind, der mit seinen “Orientierungen” aus der Haltung des Wissenden heraus nur noch auf taube Ohren stösst, weil sich die Welt da draußen ganz einfach weiterentwickelt hat?

Die armen, armen Lehrer (schnüff)
Ängstlich befragt Felten sodann seinen eigenen Berufsstand: “Und was ist mit dem Bildungssektor?” und kommt zu dem Schluß:

Auch hier stimmen die Spätfolgen von 68 bedenklich. Zwar sind Pädagogen heute meist freundlicher und bemühter als mancher alte Pauker, aber ihnen fehlt es auch an beruflichem Selbstbewusstsein.

Aha. Selbst an der psychologischen Befindlichkeit heutiger Lehrer (man beachte im Zitat auch die feine Unterscheidung: früher Pauker, heute Pädagogen…) ist 68 schuld. Langsam fragt man sich, ob 68 nicht auch an der Arbeitslosigkeit, dem schlechten Wetter und Mundgeruch die Schuld trägt. Doch die Schilderung der heutigen Lehrer als “verunsicherte Pädagogen”, als gepeinigte Wesen und Verlierer, nein, nicht der Globalisierung, sondern der 68er-Revolte geht noch weiter:

Denn durch die kleine Kulturrevolution gerieten Lehrer in eine arge Zwickmühle: Keinesfalls mehr junge Menschen ans System anpassen, unbedingt aber sie optimal qualifizieren. Ein mörderischer Spagat, der für viele in Resignation endete.

Zu Tränen gerührt über diesen gebeutelten Berufsstand müssen wir dazu jedoch anmerken: 1.) Jeder Lehrer wählt seinen Beruf selbst. 2.) Nach dem Ende der eigenen Schulzeit kennt man keinen Beruf so gut wie den des Lehrers.3.) Warum sollte es zwischen den pädagogischen Zielen “Keine Systemanpassung” und “Optimale Qualifizierung” keinen Mittelweg geben? Was spricht dagegen, selbstbewußte, umfassend gebildete Schüler in ein System zu entlassen und dann zu sehen, wie sie sich dort bewähren? Wieder die Angst vor dem Experiment? Ein vorauseilender Gehorsam des verbeamteten Lehrers gegenüber seinem Dienstherrn?3

Es folgt die – leicht verschwörungstheoretisch klingende – Schuldzuschreibung an das “naiv-traute Zusammenspiel [...] einer sparwütigen Kultusbürokratie und profitsüchtigen Bildungskonzernen” (hört, hört, da klingt doch das gute alte 68er-Vokabular durch), um dann doch wieder den 68ern die Schuld zuzuschieben:

Auch der traditionelle Schulstoff musste sich seinerzeit mannigfache Ächtung gefallen lassen. Statt fachlicher Begeisterung setzte man der Jugend lieber ein skeptisches, mithin düsteres Bild von Gesellschaft vor. Ob die derzeitige Flaute bei Ingenieursbewerbern ein später Nachhall davon ist? Oder geht hier die Saat einer jahrzehntelangen Spassorientierung des Lernens auf?

Dem schwammigen Vermuten (oder sollte man sagen: im Trüben fischen?) folgt die Platitüde:

Viele Innovationen vergangener Jahrzehnte haben sich jedenfalls als eigentümliche Mischung erwiesen: aus Sinnvollem und Halbwahrem, nicht zu Ende Gedachtem oder auch vollkommen Falschem. Das Ergebnis ist seit PISA zur Genüge bekannt.

Ja, eben, ist alles bekannt. Welcher halbwegs vernünftige Mensch hätte denn auch nicht gedacht, dass Ideen aus vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten aus “Sinnvollem und Halbwahrem, nicht zu Ende Gedachtem oder auch vollkommen Falschem” bestehen. Wie mein werter Prof immer sagte: “Die Feststellung ist so allgemein, sie kann gar nicht falsch sein”.
Wir sehen:
- die beliebige Platitüde (“Wie schnell wurde aus dem bestenfalls gut Gemeinten das ursprünglich gerade nicht Gewollte!”)
- krude, kaum durchdachte oder halbwegs begründete Feststellungen (“Der lange Schatten des Faschismus – auf die Pädagogik in Deutschland fällt er bis heute.”)
- die (man ist versucht zu sagen: lehrerhafte) Attitüde des Besserwissens (“Die zeitlose Parole “Wissen ist Macht” verfängt bei weiten Teilen der Jugend jedenfalls nicht mehr – ihnen gilt “Nichts wissen – macht auch nichts!”)
- 68er-Bashing der einfachsten Sorte (ach, wenn doch wenigstens das etwas Raffinement hätte…), z.B. “Zwar haben die Achtundsechziger die Generationsbeziehungen kräftig gelüftet, aber sie konnten den Kinderherzen zu wenig neue Lebensgewissheiten bieten – so hatte die Befreiung auch etwas von Verödung an sich.”
- neo-konservatives Sehnen nach vergangenen Werten / Zeiten / Autoritäten.

Und das alles einfach mal im Radio daherschwadroniert. Und dann auch noch im so löblich der Bildung verschriebenen Deutschlandradio Kultur. Etwas mehr Niveau darf man für die horrende GEZ-Gebühr doch wohl verlangen, oder, liebes Radio?

Ach ja, noch was
Wer “die 68er als besonders tragisches Beispiel für die Logik des Misslingens” bezeichnet, der sollte sich doch wenigstens mal kurz fragen, ob es nicht ein bewunderungswürdiger (und bisher: einzigartiger) Erfolg dieser Generation gewesen ist, ihrer Zeit (und den folgenden Jahrzehnten bis heute ebenso) einen eigenen Stempel aufzudrücken und neue Ideen (und damit: Schwung, Spaß, Befreiung, Weiterentwicklung) in die Gesellschaft gebracht zu haben. Keine andere Generation (nicht einmal die vom Feuilleton so geliebte “Generation Golf”, deren einzige historische Spur im massenhaften Verdrücken von Nutella bestehen wird) hat dies bisher geschafft, sondern ist vielmehr im muffig-diffusen Licht der unbekannten Geschichte versunken.

Zum Nachlesen: Kinderillusionen. 1968 und die Pädagogik von Michael Felten im Deutschlandradio Berlin am 19.5.2008, Politisches Feuilleton, 7:20 Uhr.

  1. Laut den Seiten des Deutschlandradios arbeitet Herr Felten “seit 25 Jahren als Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln”, hat die Bücher Kinder wollen etwas leisten (2000), Neue Mythen in der Pädagogik (2001) und zuletzt (im katholisch-konservativen Herder-Verlag) Schule besser meistern (2006) veröffentlicht. Seit 2007 betreibt Herr Felten die Website www.eltern-lehrer-fragen.de. (Und man fragt sich manchmal, wo Lehrer für all diese Tätigkeiten die Zeit hernehmen. Sollte da eventuell doch noch nach dem Feierabend um 13 Uhr gearbeitet werden? []
  2. Im Text: Verhältnis Eltern/Kinder wurde von autoritären Verkrustungen befreit; Schulunterricht vermittelt auch kritische Inhalte; Schulsystem ist durchaus gerechter, weil durchlässiger geworden. []
  3. Ich weiß, dass die meisten heutzutage neu eingestellten Lehrer nicht mehr verbeamtet sind, das ändert aber nichts an der Wes-Brot-ich-ess-des-Lied-ich-sing-Haltung. []
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    Ich finde Niemanden, der so häufig Recht hätte, wie ich ! (Arno Schmidt: Die Umsiedler, BA I/1, S. 275)

    Das Verzweifelte, daß die Praxis, auf die es ankäme, verstellt ist, gewährt paradox die Atempause zum Denken, die nicht zu nutzen praktischer Frevel wäre. (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 243)

    Schlechtes Benehmen halten die Leute nur für eine Art Vorrecht, weil keiner ihnen aufs Maul haut. (Klaus Kinski)

    I cannot persuade myself that a beneficent and omnipotent God would have designedly created parasitic wasps with the express intention of their feeding within the living bodies of Caterpillars. (Charles Darwin)

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