20.05.2008

Der erste Blogger, Alfred Kerr

Es ist ja hier, an dieser unbedeutenden Stelle im Universum, schon einmal auf den großartigen Schriftsteller, Essayisten, Tagebuchschreiber und Chronisten Alfred Kerr hingewiesen worden. Einer der größten Schreiber in deutscher Sprache, ein echter Denker, ein Spaßmacher, ein zutiefst eigener Mensch, der es verdient hätte, noch einmal gelesen zu werden und vor allem besser verlegt zu werden als es ihm momentan widerfährt.

Und wenn man ihn so liest, etwa “Aus dem Tagebuch eines Berliners”, enthalten in der Werkausgabe des S. Fischer Verlages in dem Band “Erlebtes. Deutsche Landschaften, Menschen und Städte”, dann fällt einem plötzlich auf, wie nahe sein Schreiben an dem ist, was man in den meisten Blogs findet: tagesaktuell, subjektiv, schnoddrig, lokal, weitschweifig, nachdenklich, egozentrisch, eben ein eigener Kopf, der über sein Leben und dessen Skurrilitäten schreibt.

Beispiel gefällig?

Kein Problem. Die Situation: Kerr denkt (etwas schelmisch) darüber nach, wie es eigentlich mit ihm zusammenhängt, dass er jeden Morgen als “berühmter Kritiker” aufwacht. Und er schreibt:

Vielleicht so:
Weil ich niemals unterlassen kann, in der sichtbaren Wirklichkeitswelt, beim Gehen durch eine Straße, bei der Begegnung in einem Zimmer, jedem Geschöpf in Wonnelust oder Abneigung zwischen Stirn und Schnauze zu gucken. Berichtigungen dort vorzunehmen nach meinem Wunsch. Wesen umzukrempeln nach eigenem gusto … oder hell anzuerkennen in ihrer Beschaffenheit. Weil ich Mannsgesichter zurechtschneidere, wie sie vom Schicksal schicklicher gemacht wären … oder bestätige, wie gut sie gemacht sind. Weil ich von jeder Frau, ob sie schon unbekannt vorbeischwebte, nach zwei Tagen weiß, was sie angehabt hat — (und wie sie besser aussehen könnte). Weil etwas in mir über Dinge der Außenwelt hienieden unwissentlich einen Beschluß faßt; im Keller des Bewußtseins automatisch ein Urteil fällt; eine Quittung stellt. Weil ich vor jeglicher Gestaltung des Irdischen gedrängt bin: zu preisen oder zu rülpsen. Weil es ein tiefer Zwang ist, Stellung zu nehmen — dankbar oder kotzend. (Es ist eine Leidenschaft; sie wird von mir manchmal erkannt, wenn mich Trottel damit necken.)
Vor allem aber dies alles deshalb: weil ich fortwährend unbewußt sichte: zwischen Recht und Unrecht rings; fortwährend Recht innen bejahe, Unrecht nulle.
Schließlich deshalb, weil ich nicht nur tiefste Verachtung, sondern körperliche Abneigung spüre gegen Weitschweifigkeit; gegen Unform; etwas von Romanschreibern, Dramenstümpern mit ihrem unadligen, unmelodischen, breiten, trocknen Mißkram, uäh, uäh (als umschlössen sie von der Musik eines Blüthnerflügels bloß das Leder hinter den Tasten: indes ich der Klang bin). Letztens, weil dies alles…
Ja, warum soll dies alles nicht auf die Unterscheidungen im Drama sich auch erstrecken? auf einen jämmerlich versuchten Lebensabdruck? (Ihr Abdruck: mein Albdruck.)
(Sehr dumm, dies alles zu äußern; haßwerbend; aber nicht unehrlich; denn ich fühle so.)
…Mein ist die Sprache.

Kerr, Alfred: Erlebtes. Deutsche Landschaften, Menschen und Städte. Hrsg. v. Günther Rühle. Frankfurt/M. 1989 (Werke in Einzelbänden I,1), S. 9.

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