04.06.2008
Vom Bauern. Und anderen Sentimentalitäten.
- Wir “halten” uns Milchbetriebe, im Gegensatz zum Rest der EU übrigens größtenteils Familienbetriebe, vornehmlich aus sentimentalen Gründen.
- Warum wir dies tun, ist, wie sämtliche sentimentalen Beweggründe, mit rationalen Argumenten nicht vollständig begründbar.
- Ein wesentliches Movens dürfte jedoch das romantische Bild des “Bauern” auf seiner Scholle sein: Heugabel geschultert, umringt von seiner karierten Kinderschar, der breiten, rotbäckigen Frau und freilaufenden Schweinen und Hühnern.
- Wenn man für ein Produkt einen zu geringen Preis bekommt, dann liegt das daran, dass das Angebot an der Ware zu groß ist. Der Preis für das Produkt richtet sich eben nach Angebot und Nachfrage, auch wenn die Branche selbst subventioniert wird. Dass die Abnehmer kein Interesse daran haben, Bauern aus purer Sentimentalität höhere Preise zu bezahlen, kann man ihnen kaum verdenken.
- Zur Zeit ist auf dem Markt viel Milch vorhanden, da wir uns aus sentimentalen Gründen viele Bauern leisten.1
- Viele Bauern = viele Kühe = viel Milch. Wenn viel Milch vorhanden ist, wird Milch zu einem billigen Produkt.
- Auf einem normalen, d.h. nicht aus sentimentalen Gründen am Leben erhaltenen Markt, würden im Falle eines zu billigen Produktes jene Produzenten aus dem Markt ausscheiden (m.a.W.: Pleite gehen), die ihre Produktion nicht optimal gestaltet haben, ihre Angestellten nicht so stark auspressen wie andere. Sie könnten an dem Markt aufgrund ineffizienter Arbeitsweise nicht mehr teilnehmen, übrig blieben lediglich die effektivsten Produzenten.
- Wenn jetzt Bauern gegen niedrige Milchpreise protestieren, so ist das vor allem ein Protest für eine weitere Subventionierung, für eine weitere Begünstigung eines agrarisch-traditionellen Erwerbszweiges.
Es bleibt zu fragen, wie das politisch offenbar gewollte teure künstliche Am-Leben-erhalten einer bäuerlich-ländlichen Lebens- und Erwerbsform inmitten einer hochentwickelten Industriegesellschaft
a) bei entlassenen Mitarbeitern aus zukunftsorientierten Industriezweigen ankommt, z.B. den Mitarbeitern des geschlossenen Nokia-Werkes. Zu fragen bleibt doch, warum die bäuerlichen Lebensverhältnisse hochsubventioniert am Leben erhalten werden (auch wenn das aus der Zeit gefallene dieser Tätigkeiten immer deutlicher wird), während andere, deutlich zukunftsorientiertere Sparten stattdessen über die Klinge springen müssen?
b) bei den Bauern aus der Dritten Welt, die gegen die hochsubventionierte und deshalb hochgezüchtete Konkurrenz bestehen sollen.2
Und bitte bitte bitte die Überlegungen zum Thema der europäischen Bauern nicht an dem Punkt abbrechen, an dem man einsehen muß, dass Milch eventuell nicht mehr hier vor Ort, in diesen Landen produziert wird. Warum sollte man der Dritten Welt nicht helfen, selbst zum Erzeuger und Produzenten zu werden? Wer sich etwas in die Schriften des Nobelpreisträgers Dr. Muhammad Yunus eingelesen hat, der wird schnell begreifen, dass es (mental-motivational und finanziell) einen himmelweiten Unterschied zwischen Empfängern von Entwicklungs”hilfe” und gleichwertigen Produzenten an einem Markt gibt.
Und warum nicht auch Milch importieren? Wir tun dies bei Tomaten, Wein, Kartoffeln, Kohl, Weizen, Gerste, Yoghurt, Bier etc. doch auch. Um nur “typisch” deutsche Produkte zu nennen.
- Rund 40 Mrd. Euro, 40 Prozent des EU-Gesamtetats, kommen in irgendeiner Form Europas Bauern zugute. [↩]
- Sie könnten dies aufgrund von Importzöllen und anderen Schutzmechanismen der EU ohnehin nicht. Aber selbst wenn man diese Schutzschranken wegließe, könnten Sie gegen ihre mit EU-Geldern hochgepäppelten und am Leben erhaltenen europäischen Konkurrenten nicht bestehen. [↩]
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Ja, die Agrarsubventionen sind komplett übertrieben.Folgendes möchte ich diesem Rundumschlag aber entgegenhalten:
- auch in der deutschen Landwirtschaft findet eine Konsolidierung statt. Mit der Erhöhung und schließlich Abschaffung der Milchquote wird diese fortschreiten.
- Wenn sich an einem Markt die Erzeugung eines Produktes nicht lohnt, weil der Verkaufspreis unter den Herstellungskosten liegt, müssen sich beide Komponenten annähern.
- Die Proteste und der Lieferstopp sind m.E. ein legitimes marktpolitisches Mittel, um die eigene Verhandlungsmacht zur Geltung zu bringen. Wenn die Discounter sich zusammenschließen können und sagen “wir kaufen nur noch zu Preis X” können sich auch die Produzenten zusammenschließen und sagen “wir liefern aber nur noch ab Preis Y”. Man wird sich in der Mitte treffen.
- Gegen den kompletten Import aller Lebensmittel sprechen u.a. ökologische Gründe (Transport). Und da ökologische Interessen meist nicht profitabel sind, ist hier ein gewisses Maß an staatlicher Regulierung in Ordnung. Dass die aktuelle Überschwemmung des Weltmarktes mit europäischen Subventionsprodukten nicht geht, ist dabei natürlich klar.