Da scheissen wir doch auf die dämliche Tagesaktualität, bei einem der größten (jawohl, jawohl!) deutschen Poeten, die je unter dieser unbedeutenden Sonne lustwandelt sind. Nachdem sich schon Robert Gernhardt davongestohlen hat (wir verdammten das an anderer Stelle) und uns allein liess mit dünn-geistigen Zeitgenossen, einer Welt voller Klone, diesen Beckmanns, Kerners, Hinterseers, machte sich nun am 8.6. auch noch Peter Rühmkorf der Große, der ganz Große, vom Acker.
Wer ihn nicht kennt, verdient nicht weiter gefördert / beachtet / angesprochen zu werden, denn wie kann man leben ohne die Ironie und den Spaß eines Rühmkorf? Er war einer der feinen Menschen, die nachdachten, die hinsahen, witzig waren, jedem Alter Hohn sprachen (als junger Mensch alt, als alter Mensch jung) und uns Unbedeutende mit Poesie versorgten. Wie heißt es in Selbst III/88 so unnachahmlich (und man muss es erst mal von Rühmkorf gelesen hören!):
Mit den Jahren auch nicht mehr ganz in dem Zustand,
daß man sich
seine Liebhaberinnen noch persönlich aussuchen kann –
Wahrlich, so ist es, Freunde, keine widerspricht.Noch Seher oder schon Spanner, das ist die Frage.
Von meinem Augenhintergrund her steh ich
unseren Herrenmagazinen
eigentlich doch etwas näher
als den Zielen der Frauenbewegung
(Phosphoreszierende Strumpfbänder – Arschzeigehosen –
Tittenspitzen steif wie Radiergummis)
Na, mal abwarten erst
wenn der Kopf gegen Mittag endgültig durch die Tabletten bricht . . .Ich will da ja gar kein Dings, kein Drama draus machen.
Die richtigen Dramen gehn sowieso immer aus
wie der britische Bergarbeiterstreik 84:
D i e H e l d e n m ü s s e n z u K r e u z e k r i e c h e n –
Ich will damit nur sagen,
wer sein Gedächtnis schon soweit verloren hat,
daß er grad noch paar alte Meister wiedererkennt,
muß nach vorne durch.
Also los, solange die Koffergriffe noch halten,
und dann gleich mit’m Intercity Max Stirner
durch die halbe Republik!Draufzu! Draufzu! gefeiert kann später im Himmel werden,
Patient braucht keine Ruhe, Patient braucht Reize;
dafür haben wir uns doch extra
diesen raumaufzehrenden Lebensstil zugelegt,
um der Welt auf Teilstrecken nahezukommen:
Hamburg – Altona – Bremen – Münster –
Dortmund – Bochum – Essen –
Duisburg –
Düsseldorf –
Köln –
und in jeder vorüberrauschenden Stadt
eine Frau wie ein aufgeschlagenes Buch.
[...]
Lesen. Lesen. Lesen. Und trauern um einen großen Peter Rühmkorf.