Kurz vor dem Abitur (lang, lang ists her…) gingen im Klassenzimmer die ersten Gespräche darüber los, was man nach der Schule machen will, wie das weitergeht nach dem Standardlebenslauf, den man bis dahin hingelegt hatte. Keiner und keine von uns hatte je ein Praktikum gemacht, nie in eine richtige Firma die Nase gesteckt, lediglich im “Berufsinformationszentrum” die Mappen mit den Berufsbeschreibungen durchgelesen und mit den Berufsberatern gesprochen. Im Deutschunterricht hatte man gelernt, wie man Bewerbungen schreibt1, wie man Anlagen beifügt, was die richtige Anrede ist und welches Papier (nur das Beste) man nehmen sollte.
Und als dann die Klassenkameradinnen davon erzählten, dass sie “zunächst” eine Banklehre machen wollten, um “was sicheres” zu haben und um nach der Lehre damit Geld fürs Studieren zu verdienen (dieses Studium hat freilich keine jemals begonnen), da kroch einem ein merkwürdiges Gefühl den Rücken hoch: das Gefühl, mit dem Studium eines schöngeistigen und non-monetären Fachs in dieser Welt falsch zu sein. Es entstand der Eindruck, dass eine Bank das sicherste, wärmste und unangreifbarste Ding auf dieser Welt ist und dass die anderen es richtig machen, wenn sie sich in die klebrig-milchglasige Welt der Schalter und Telefone begeben (Computer gab es damals auch schon, aber nur solche mit grünen Buchstaben auf schwarzem Grund).
Rückblickend muss man sagen, dass diejenigen, die damals “zur Bank” gegangen sind, ziemlich verwegen waren: nicht nur sind sie in eine Branche eingetreten, die von Computern grösstenteils entmenschlicht wurde (nichts lässt sich so schön mit einer Maschine wegrationalisieren wie ein Bankjob), sie haben auch eine Branche gewählt, in der für große Summen fremden Geldes unverstehbare Produkte so sorgfältig wie auf einem Trödelmarkt gehandelt werden.
Als ich vor ca. 2 Jahren einen Banker aus dem Londoner Financial District fragte, ob er mir in einfachen Worten erklären kann, mit was er sein Geld verdient, da sagte er: “Vooodoo. Es ist ein Voodoo-Glaube, der die Finanzwelt zusammenhält und die Gewinne ermöglicht.” Seiner Meinung nach funktioniere das Ganze nur durch gemeinsame Beschwörung. Würde jemand bei einer Voodoo-Beschwörung ins Zimmer reinkommen, das Licht einschalten und sagen ‘So, jetzt Schluß mit dem Hokuspokus!’, dann wäre der Zauber und der angestrebte Effekt dahin. Ebenso sei es seiner Ansicht nach mit der Finanzwelt.
Meine Klassenkameradinnen sind also damals in eine von Rationalisierung bedrohte Wildwest-Branche mit Voodoo-Praktiken eingestiegen. Respekt.
- Und ich danke Gott dafür, dass irgendwann der Computer erfunden wurde, der das Einspannen der Blätter, die Arbeit mit dem Blaupapier, das Beachten des Zeilenendes und das Beim-ersten-Versuch-korrekt-schreiben überflüssig machte. [↩]