28.10.2008
Peter Sloterdijk: Die Finanzkrise, die spiessigste Angelegenheit in der Menschheitsgeschichte
Im Schweizer Fernsehen spricht Peter Sloterdijk über die Finanzkrise und sagt u.a.:
Der Größenwahn, die klassische Megalomanie, ist aus den Personen selbst ausgewandert, ist in das System selber externalisiert worden. Heute können die Menschen nicht so verrückt sein wie das System.
Darum sind wir eigentlich vom Verlauf der Krise, mir zumindest geht das so, menschlich wahnsinnig enttäuscht. Es ist nicht eine einzige farbige Persönlichkeit aufgetreten, die die Krise interessant macht. Ich habe noch nie eine so große Verschwörung der Spießer beisammen gesehen wie im Augenblick. Es ist eigentlich die spiessigste Angelegenheit, die sich in der Menschheitsgeschichte der Menschheit jemals zugetragen hat. Demgegenüber war der schwarze Freitag und die Weltwirtschaftskrise zwischen 1929 und 1931 geradezu ein Shakespearesches Drama. Aber was wir heute sehen, das sind doch alles kleine Beamte, die irgendwie hinter ihrem Postschalter aufgestanden sind und Weltpolitik machen wollen.
Und man redet immer von der Gier. Ich glaube überhaupt nicht, dass es damit zu tun hat, kein Mensch kann so gierig sein, dass er mit seinem persönlichen Antrieb dieses Spiel mitspielen kann. Ich glaube in Wirklichkeit, dass dieser vielzitierte Bereicherungstrieb in dieser ganzen Angelegenheit keine so besonders große Rolle spielt. Es ist eigentlich nicht so sehr die Gier, die hier das ganze System steuert, das ist Volkspsychologie, die zwar in allen Zeitungen gerne rezipiert wird, aber ich glaube, dass es um etwas anderes geht. Es geht um ein echtes Märchenmotiv, das seit dem Beginn der Neuzeit in den Menschen Europas und Amerikas mit archetypischer Energie sich festgesetzt hat. Wir sind im Grunde genommen von unserer psychischen Struktur her Schatzsucher. Das heisst aber, es ist nicht eine Sache der Gier, sondern es ist die Bereitschaft, allen Ernstes daran zu glauben, dass das Leben Dir einen Schatzfund schuldig ist und dass wir dann am besten in unserem Lebensgefühl erfasst werden, wenn wir ein leistungsfreies Einkommen beziehen. Ich glaube, der Traum vom leistungsfreien Einkommen, das ist der eigentliche emotionale Archetypus, der mit dem Ausdruck “Gier” nur falsch kodiert wird, er zielt zwar in die richtige Richtung, aber kehrt dann aber kurz vor der Sache um und drückt es falsch aus.
[Mein Transkribierung]
Schweizer Fernsehen, vis-a-vis, Sendung vom 12.10.2008, erneut gesendet auf 3sat. Moderiert von Frank A. Meyer.
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