03.12.2008

Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren

Man hört die Nachrichten und traut seinen Ohren nicht: in den Zeiten der Gewinne wird das Hohelied der freien Marktwirtschaft gesungen, keiner will sein “dreinreden” lassen vom Staat, Wirtschaft sei eben Privatsache, die Unternehmen würden das schon alles regeln, die “unsichtbare Hand” des Marktes schaffe ohne Regulation Wohlstand, Glück und Geld für alle. Gewinne sind des Unternehmers, der es sich über sein eingegangenes Risiko rechtschaffend verdient hat.
Macht man in diesen Tagen aber das Radio an, hört sich alles plötzlich ganz anders an. Der Staat müsse “seinen Aufgaben” nachkommen, nämlich Unternehmen stützen, Verluste von privaten Unternehmen begleichen, mit dem Geld der Bürger die Schulden anderer Leute bezahlen, die oftmals nicht unter besonderer Armut leiden.

Harald Schmidts Vorschlag, dass Peter Zwegat, den Hier-sind-ihre-Einnahmen-hier-sind-Ihre-Ausgaben-Papst, zum neuen Finanzminister zu machen, gewinnt in dieser Situation an Relevanz und Stimmigkeit. Allerdings sollte man Herrn Zwegat in die Banken schicken, in die Autounternehmen, in all jene Firmen, die in den guten Zeiten1 ihre Gewinne in Villen, dicke Autos, Firmenjets und was weiß ich nicht noch für Dinge steckten.

Es scheint, als ob die Rationalität, der Realitätssinn, den ins Kraut schießenden (Finanz)Abstraktionen in die Parade fährt. Peter Sloterdijk schreibt dazu in der NZZ:

Man darf bezweifeln, dass die Metapher des Schiffbruchs für das, was heute mit den Vermögen geschieht, noch plausibel ist. Seriöse Leute behaupten, dass von den realen Vermögenswerten gar nichts verschwunden ist. Es sind keine Schiffe gesunken, es müssen jetzt lediglich die surrealen Bewertungen revidiert werden, die während der letzten zehn Jahre die meisten ökonomischen Transaktionen verzerrt haben, insbesondere bei Betrieben, Immobilien und Kunstwerken. Die riesenhaften Pseudovermögen, die dabei «angehäuft» bzw. an der Börse fingiert wurden, sind auf einen sinnvollen Massstab zurückzukorrigieren. In der amerikanischen Hypothekenkrise sind ja die Häuser nicht verschwunden. Die berühmten Realwerte sind alle noch vorhanden. Es spricht vieles dafür, dass sich die Dinge nach der Anpassung des aufgeblähten Geldvolumens an die realwirtschaftliche Basis wieder einspielen. Es gab einfach zu viel Geld, das blosses Spielgeld war, daher gab es massenhaft illusorische Wertberechnungen und haltlose Reichtumseinbildungen.

Und:

Braucht der Markt Regelungen? Des Staates oder internationaler Finanzmarktbehörden?

Die Staaten treten jetzt als Business Angel für etablierte Firmen und Banken auf – man kannte diese Funktion bisher nur für Startup-Unternehmen, denen man schutzengelhaft mit Risikokrediten unter die Arme greift. Im Grunde ist die Frage nach dem Staat in diesem Kontext absurd. Jeder nicht völlig verblendete Beobachter hat immer gewusst, dass ohne den rahmengebenden, regulierenden, aufsichtübenden Staat nichts geht, keine Eigentumswirtschaft, kein Markt, kein Kapitalgeschäft. Dank der Krise kommt jetzt der Staat endlich aus seinem Versteck. Er gibt wieder zu verstehen, dass er auch als Marktteilnehmer eine entscheidende Rolle spielt – nicht nur als Umverteiler, sondern auch als Bürge und Käufer letzter Instanz. Er ist in Wahrheit der einzige Multimilliardär, der imponiert. Dennoch ist er vom Zeitgeist der letzten dreissig Jahre zum dummen August gemacht worden.

«Wir lebten in einer Frivolitätsepoche» Ein Gespräch mit dem Philosophen Peter Sloterdijk über die Finanzmarktkrise

  1. War das nicht erst vor einem Dreivierteljahr, dass alle vom Aufschwung wussten, von der privaten Anhäufung großer Gewinne aber niemand sprach? []

Geschrieben von blogschrift in Gedacht | RSS 2.0

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