Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Charles Darwin!
Wir möchten uns bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie uns von diesem unsäglichen Schwachsinn erlöst haben, den die Kirche und ihre braven Schäflein bis heute weitererzählen (obwohl das unter Strafe gestellt werden sollte). Wir wollen einfach nichts mehr hören aus dieser 2000 Jahre alten Anekdotensammlung mit ihrer SEHR unsicheren Textlage und einer Überlieferungsgeschichte, für die die Bezeichnung “Stille Post” noch sehr gelinde ausdrückt, wo die Fehler liegen.
Ja, wir akzeptieren voll und ganz, dass die Affen und wir einen gemeinsamen Vorfahren haben (und sogar die Qualle und wir). Wir haben nichts dagegen und erhaschen im Affenhaus im Zoo sogar ab und zu einen Blick der Schimpansen, der uns erahnen lässt, dass auch sie ahnen, dass wir irgendwie miteinander verwandt sind. Eine enge Blutsbande ist es wohl nicht gerade, aber man weiß, wie bei einem plötzlich auftauchenden entfernten Verwandten, dass man da etwas gemeinsam hat.
Im Kopf geblieben ist uns noch ein Aufsatz über Sie, Herr Darwin, in dem Stephen Jay Gould auf exzellente Weise herausarbeitet, wie die zur Einfalt tendierende Menschheit sich nicht nur ständig in den bekannten Baumdarstellungen der Evolution und, zweite Dummheit, in einer Reihung des sich langsam aufrichtenden Menschen ergeht (und damit die Komplexität der Evolution und ihr extrem fehlerlastiges, ja im Prinzip sogar extrem blutrünstiges Trial-and-error-Prinzip komplett ausblendet). Noch mehr gefallen hat uns allerdings Goulds Beobachtung, dass Sie, hochverehrter Herr Darwin, von Ihrer Nachwelt am liebsten als alter Mann abgebildet werden, im Stuhl sitzend mt einem riesigen Rauschebart. Damit, so Gould, hätten Sie den allwissenden Schöpfergott nicht nur vom Thron gestossen haben, sondern im kollektiven Unterbewußtsein sogar seine Position (im vielfachen Sinne) eingenommen.
Und dass Sie damals mit Ihrer Anfälligkeit für Seekrankheit das ganze Segel-Programm durchgezogen haben, dafür gebührt Ihnen der Respekt all jener, die schon mal richtig seekrank waren. Die Entdeckung der Evolution hat sicher auch mit den Gedanken zu tun, dass man, kotzend an einer Bootsreling oder hundeelend unter Deck, ganz schnell auf den Gedanken kommt, dass man als menschliches Lebewesen für bestimmte Lebensräume einfach nicht geschaffen ist. Wir werden diesem Gedanken weiter nachgehen und demnächst unsere Habilitation zum Thema “Die Geburt der Evolution aus dem Vomitus” vorlegen.
Über Darwin reden ja eh alle, aber wer mehr über den grossartigen und leider zu früh verstorbenen Stephen Jay Gould wissen will, der oder die wird bei YouTube hervoragend bedient.
4 Kommentare
Ich würde übrigens nicht von einem Widerspruch zwischen Glauben und Wissenschaft sprechen, kann mir aber einen Glauben, der die Vernunft und die wissenschaftliche Erkenntnis nicht anerkennt, heutzutage auch nur schwerlich vorstellen. Das sieht aber m.W. selbst der Papst so. Insofern ja: sie sind kategorial verschieden, schließen sich aber mMn nicht aus.
> Ist man dann aber wirklich noch z.B. Christ?
Die Diskussion ist müßig: Ich sage „ja“, u.a. weil die Bibel wesentlich mehr ist als nur die Grundlage der Religion und weil die wörtliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte nicht der Kern des Christentums ist. Du wirst sagen „nein“, weil Christentum für Dich das wörtliche Festhalten an seltsamen Geschichten bedeutet.
Zum Obskurantismus: für mich stellt sich das als Unterstellung dar. Ich habe Glauben immer anders, als befreiendes Angebot (das man natürlich auch ablehnen kann), erlebt. Und in meiner Bekannt- und Verwandtschaft haben Menschen, für die Glauben und Freiheit Hand in Hand gingen ernsthaft dafür einstehen und leiden müssen.
Man hat uns Kindern in der Schule hingegen genau diese Rückständigkeit vorgehalten und gleichzeitig eine krude Auslegung des Marxismus als neue Religion gepredigt.
Ich bestreite damit natürlich nicht, daß Religion zu vielen Zeiten dafür genutzt wurde, um Unwissen und Unheil zu verbreiten (davor ist aber keine Idee gefeit, das haben die Nazis auch mit der Vererbungslehre gemacht). Aber ich bin nicht der Meinung, daß das der Kern der Religion sei.
Es gab zwar zu Darwins Zeiten heftige Debatten, aber die allermeisten Christen (welche Kirche meinstu eigentlich) akzeptieren schon seit längerem die Evolutionslehre. Mir scheint, die kategoriale Gleichsetzung von wissenschaftlicher Erkenntnis mit Glaubensdingen, die dann gegeneinander antreten müßten, geschieht heute öfter Atheisten, die Glauben als rückständig brandmarken wollen, als Gläubigen selbst.
1.) Keine “Kirche”. Religion. In bester feuerbachscher und freudscher Manier.
2.) Dass die “allermeisten” Christen die Evolution akzeptieren, liegt doch vor allem an dem beliebigen Eklektizismus, mit dem heute Religion gelebt und verstanden wird. Man schwärmt von der Bibel als dem Buch der Bücher (das sagen allerdings nur Leute, die wenig Bücher kennen), glaubt aber nicht mehr an die Geschichte von Adam und Eva, vertritt nicht ernsthaft, das Noah wirklich 950 Jahre alt geworden ist oder irgendwelche anderen obskuren “Wunder”. Man akzeptiert also sicherlich teilweise in der Christenheit die Evolution, aber um den Preis eines Nicht-mehr-ganz-erst-Nehmens des eigenen Vereins. Ist man dann aber wirklich noch z.B. Christ?
3.) Ich denke, dass Religion und Wissenschaft per se unvereinbar sind, da kann man eine kategoriale Entgegensetzung ruhig aushalten. Es gibt in diesem Sinne auch keinen “modernen” Glauben, sondern er bleibt, meiner bescheidenen Ansicht nach, immer rückständig, anti-aufklärerisch, unwissenschaftlich und “obskur” (Im Sinne von: in einer Tradition des Obskurantismus stehend). Und weil ich dessen Definition so schön finde, sei sie hier gleich zum Besten gegeben: