Ein unbedingt lesenwerter Artikel in der aktuellen Ausgabe der Le Monde diplomatique mit dem schönen Titel “Totschlagen und andere Begabungen” von Bruno Preisendörfer:
Hier ein Auszug, abber ich empfehle, sich den ganzen Artikel in Ruhe durchzulesen:
Auch die Evolution von Ideen und Ideologien verläuft eher gestrüppartig als nach dem Stammbaum-Modell. Dennoch gibt es über die Epochen hinweg Entsprechungen zwischen dem Denken in Sieger-Genen. Der englische Publizist Walter Bagehot hat 1872 Darwins ,natürliche Zuchtwahl’ auf gesellschaftliche Verhältnisse übertragen: “Physics and Politics”, lautet der Titel, “or Thoughts on the Application of the Principles of ,Natural Selection’ and ,Inheritance’ [Vererbung] to Political Society”. Darin heißt es: “Erwägen wir, worin ein Dorf englischer Kolonisten einem Stamm australischer Eingeborener überlegen ist. Unzweifelhaft sind die Engländer in einer, und zwar der hauptsächlichen Hinsicht überlegen. Sie können die Australier im Krieg schlagen, wann immer es ihnen gefällt; sie können ihnen alles wegnehmen, was ihnen gefällt; und sie können jeden von ihnen töten, den sie auswählen.”Für Bagehot manifestiert sich Überlegenheit nicht nur im Totschlagen, sondern noch in anderen Begabungen. So haben “die Nachkommen kultivierter Eltern durch angeborene Nervenorganisation eine größere Anlage zur Kultivierung als die Nachkommen der Unkultivierten”. Auch Darwin glaubte, “dass Erziehung und Umgebung nur eine geringe Wirkung auf den Geist eines jeden ausüben und dass die meisten unserer Eigenschaften angeboren sind”. In seinem zweiten Hauptwerk “Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl” warnte er, “… es dürfen die Fähigsten nicht durch Gesetze oder Gebräuche daran verhindert werden, den größten Erfolg zu haben und die größte Zahl von Nachkommen aufzuziehen.”
So gesehen ist die Einführung des staatlichen Elterngelds eine darwinistische Maßnahme. Es ist nach Einkommen gestaffelt und beträgt bei Geringverdienern mindestens 300 Euro, bei Gutverdienern höchstens 1 800 Euro. Je mehr man verdient, desto mehr Elterngeld bekommt man, weil man es mehr verdient. Diese typisch sozialdarwinistische Tautologie dominierte die öffentliche Diskussion vor der Einführung des Elterngelds. Susanne Gaschke etwa rechtfertigte die Höhenunterschiede bis zum Sechsfachen in mehreren Zeit-Artikeln: “Die Einkommensabhängigkeit [des Elterngelds] drückt ganz nüchtern das Ziel dieser staatlichen Subventionen aus: Sie soll Nachwuchs auch bei den Gut- und Besserverdienenden fördern, denn davon gibt es zu wenig.”
Aus der liberalen Mittelschicht, die damals noch nicht genug vor Interventionen des Staates warnen konnte, ertönte im Kampf ums Überleben und Vermehren der eigenen Begabungsgene die Forderung nach einer staatsinterventionistischen Prämie, um “die soziale Spaltung der Fortpflanzung zumindest mildern” zu können, wie Gaschke seinerzeit schrieb: “Sonst wird Fortpflanzung ein Unterschichtenmerkmal.”
Durch Zeilen wie diese raunt die Furcht vor sozialer Überfremdung. Eine Argumentationsschleife, die in Zusammenhang mit Migranten als rassistisch erkannt worden wäre, fällt im Sozialkampf gegen die eigene Unterschicht als klassistisch nicht einmal auf. Und doch liegt ihr ein durch und durch naturalistisches Begabungsverständnis zugrunde. Die angeblich genetisch Überlegenen dürfen nicht durch sozialen Ausgleich daran gehindert werden, die größte Zahl an Nachkommen zu zeugen. Vielmehr muss der soziale Ausgleich denjenigen zugutekommen, die ihn genetisch verdienen. Im genfetischistischen Gesellschaftsbild kehrt Darwins verstiegene Warnung als Forderung nach Finanzhilfe für fortpflanzungsgehemmte Akademiker wieder.
Ein anderes Beispiel für die eigentümliche Renaissance der Erblehre beim Thema Begabung liefert Josef Kraus, ehrenamtlicher Präsident des deutschen Lehrerverbands. Im Dezember schrieb er in der von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte: “Die Forschung hat seit mehreren Jahrzehnten eindeutig nachgewiesen, dass 70 Prozent des kognitiven Potentials durch Erbfaktoren bestimmt sind.”
Alles, was ,die Forschung’, wer immer die geheimnisvolle Dame sein mag, in dieser Hinsicht ,nachgewiesen’ hat, ist ihre Ratlosigkeit darüber, was dieses ,kognitive Potential’ überhaupt sein soll. Nicht einmal auf einen gemeinsamen Intelligenzbegriff konnte man sich einigen. Unter intelligenteren Intelligenzforschern kursiert deshalb ,seit mehreren Jahrzehnten’ der selbstironische Witz, Intelligenz sei das, was Intelligenzforscher messen.
Man könnte Äußerungen wie die hier bloß beispielhaft zitierten auf sich beruhen lassen, hätten sie keinen Einfluss auf das praktische Leben. Aber Sichtweisen wie die von Susanne Gaschke prägen die mittelschichtorientierte Sozialpolitik und Sichtweisen wie die von Josef Kraus die mittelschichtorientierte Schulpolitik.
Schon vor zehn Jahren fürchtete Noelle Lenoir, damals Ethikberaterin bei der EU-Kommission: “Sogar bei Schulkindern wird man danach suchen, ob schlechte Leistungen genetisch bedingt sind.” Im gleichen Jahr tobte in Deutschland eine Züchtungsdebatte, ausgelöst durch Peter Sloterdijks Menschenparkrede. Sloterdijk wurde vorgeworfen, er wolle Menschen mit verschiedenen Eigenschaften züchten, so wie einst Gregor Mendel in seinem Klostergarten Erbsen mit verschiedenen Farben gezüchtet hatte.
Vieles, was damals Angst, Schrecken und Vorwürfe auslöste, gehört inzwischen zum genfetischistischen Phrasenrepertoire. So bewirbt etwa der Verlag C. H. Beck das Buch “Der Darwin Code” unter anderem mit dieser Frage: “Steht die moderne sexuelle Selbstbestimmung der Frauen im Gegensatz zur Evolution, oder ist sie Teil der biologischen Natur?” Ein hübsches Beispiel dafür, dass es nicht nur dumme Antworten, sondern auch dumme Fragen gibt. Die ,moderne sexuelle Selbstbestimmung der Frauen’ steht deshalb nicht im Gegensatz zur Evolution, weil sie mit der Evolution überhaupt nichts zu tun hat. Sie ist aber auch kein ,Teil der biologischen Natur’, weil Menschenrechte oder Frauenrechte keine biologischen, sondern ethische, politische, rechtliche, soziale Angelegenheiten sind.