03.05.2009

Wir sind die Jobvernichter

Ein sehr interessantes Interview in der Telepolis mit dem Techniksoziologen G. Günther Voß: Heimliche Arbeitszeitverlängerung handelt davon, wie Läden, Konzerne und Unternehmen in zunehmendem Maße ihre Kunden für Arbeiten nutzen, die bisher von Angestellten erledigt wurden. Bestes Beispiel: der IKEA-Laden um die Ecke, in dem man die Waren nicht nur aus dem Regal holen, durch den Laden karren, transportieren und dann auch noch selbst aufbauen muss.
Ein Ausschnitt:

Müssten Schutzvorschriften, die früher im Arbeitsrecht verankert waren, jetzt auch Bestandteil des Verbraucherschutzes werden? Ich denke da zum Beispiel an die verkürzten Ladeflächen an Supermarktkassen, mit denen der Kunde unter Zeitdruck gesetzt wird, damit er seine Sachen möglichst schnell einpackt.

G. Günter Voß: Als ich das zum ersten Mal gehört habe, hat es mich umgehauen: Da wird ganz gezielt beim Kunden Stress erzeugt, damit sie schnell und effizient ihre Bezahl- und Einpackarbeit machen. Das finde ich an so einer Stelle eine Unverschämtheit. Auf der einen Seite wird von Kundenfreundlichkeit und Service geredet, und hintenrum wird dem Kunden ins Gesicht geschlagen.

Arbeitsschutz ist tatsächlich ein wichtiges Thema: Mein Thema ist ja, dass wir nicht nur im Laden, sondern auch immer mehr in der Privatsphäre – also zu Hause, etwa bei der Internetnutzung – Arbeit vollbringen müssen, qualifizierte und manchmal anstrengende Arbeit, zum Teil auch risikoreiche Arbeit. Und der rechtliche Arbeitsschutz müsste fragen: Sind da angemessene Bedingungen vorhanden? Das kann den eigenen Schreibtisch und heimischen Computerarbeitsplatz meinen, geht aber auch bis hin zur Gestaltung der Benutzeroberflächen, die in meinen Augen oft sehr zu wünschen übrig lassen.

Hier hat sich, um es soziologisch zu sagen, eine ganz neue gesellschaftliche Sphäre von Arbeit aufgetan – eine Sphäre, in der ökonomisch Arbeit geleistet wird, in einer zunehmend substantiellen und auch mehr und mehr qualifizierten Form. Bloß findet diese nicht in formeller betrieblicher Organisation statt, mit Arbeitsvertrag, Arbeitschutz, Betriebsrat und garantierten Entlohnungen,. Sondern wir arbeiten hier als Privatpersonen, Kunden und Konsumenten, also in unserer ganz persönlichen Lebenssphäre, und wir werden dabei immer mehr zu Teilen von Organisationen und zu Arbeitskräften. Da tut sich eine interessante Grauzone auf. Wenn ich also meine alten Bücher, die ich nicht mehr brauche, im Internet über einen großen Buchkonzern verkaufe, den alle kennen, dann muss ich mich schon fragen, wer ich da eigentlich bin. Ich bin irgendwie ein Teil dieser Organisation, indem ich dort verkaufe, aber bin ich jetzt Freiberufler oder Händler, oder bin ich Kunde bei dieser Firma? Da ist auch das Arbeitsrecht gefragt. Ich habe Kontakt mit Juristen, die selbst sagen, dass sie das kaum benennen können worum es dabei geht und dass das bisherige Recht da nicht eindeutig greift.

Interessant wird das Ganze nun auch im Zusammenhang mit dem Internet, wenn man sich dort ein Fahrrad, ein Auto oder ein Müsli konfigurieren kann. Wo hört die Mitgestaltung auf und fängt die Mitarbeit an?

Heidi Hoh, ist das noch mein Leben oder lebe ich das Leben eines Konzerns?

Ich warte nur noch darauf, bis demnächst der Metzger eine muntere Sau hinter dem Tresen nach vorne scheucht, wenn man einen Schinken bestellt hat…

Heimliche Arbeitszeitverlängerung. Peter Mühlbauer im Gespräch mit dem Industrie- und Techniksoziologen G. Günter Voß über die Einbindung von Konsumenten in Dienstleistungen

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