20.05.2009

Die unerträgliche Lakonie der Museen

Museumsbesucher, Moritz Daniel Oppenheim, 1865Da geht man am Wochenende ins Schloß Philippsruh in Hanau, wird dort von einem pöbeligen “Handwerker- und Fischermarkt” überrascht (die rituelle Feier von längst untergegangenen Berufen, die es faktisch gar nicht mehr gibt… Da stellt sich die Frage: ob es auch einmal Plattenfirmenchef-, Verleger- und Journalistenmärkte geben wird?) und findet in der schönen Gemäldeausstellung im Schloß folgende Angaben zu dem ungewöhnlichen Bild “Die Museumsbesucher”:

1939 bei der Emigration Alfed Oppenheim einbehalten, dann verschollen, 1953 bei der Restitution von Alfred Oppenheim als verloren gemeldet und entschädigt, [...].

Was steckt hinter diesen paar Zeilen wohl für ein Drama, was für schreckliche Vorkommnisse? Warum entschließt man sich als Museum, über die offensichtlichen Sachverhalte Stillschweigen zu bewahren? Herr Oppenheim ist 1939 sicherlich nicht “emigriert”, weil es ihm woanders aus Lust und Laune so viel besserer gefallen hat, einer jener lustigen “Auswanderer”, wie man sie im Unterschichtenfernsehen Abend für Abend bedauern und verlachen kann.

Herr Oppenheim wurde durch ein unbarmherziges Terrorregime zur Ausreise gezwungen, schlecht behandelt, unterdrückt, vertrieben. Warum schreibt man sowas nicht auf die Karte? Warum tut man so schönfärberisch, schreibt davon, dass das Bild “einbehalten” wurde, als Herr Oppenheim in aller Ruhe, aus freiem Willen und aus freier Entscheidung das Land verließ, wie es die “Emigration” nahelegt?
Und warum wurde das Bild zunächst “einbehalten”, ein ja offenbar sehr amtlicher, sehr korrekter Akt, und ist dann verschollen? Dann noch der dumme Schreibfehler, dass das Bild “1865″ wieder im Kunsthandel auftaucht, wo es doch richtig 1965 heissen müsste. Hat hier der Museumspraktikant die Karte geschrieben? Hält man es nicht für notwendig, wenigstens etwas Sorgfalt einem äußerst schäbigen geschichtlichen Vorgang zuteil werden zu lassen?

Und man könnte die Geschichte auch so lesen, dass ein Museum ein zwangsweise vom rechtmäßigen Besitzer zurückgelassenes Bild “einbehalten” hat, nach Kriegsende das Bild als “verschollen” gemeldet und entschädigt hat und es, nachdem einige Zeit verstrichen war (Museen haben einen langen Atem), über den Kunsthandel rechtmäßig erworben hat und sich den Besitz von der ja entschädigten Familie hat bestätigen lassen. Das Geld war dem Museum egal, denn Geldscheine kann man nicht ausstellen, aber das Bild wurde so der Sammlung einverleibt.

Ich weiß, ich weiß, alles nur faktenlose Spekulationen, aber solche Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man solche lakonischen Zeilen liest und sich fragt, wie die wohl zustandegekommen sind.

Geschrieben von blogschrift in Gedacht | RSS 2.0

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