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Die frühe Selbständigkeit der Familie Sanson. Oder: die Guillotine, von einem Klavierbauer geschaffen

Charles Henri Sanson Bei einem Parisbesuch mal wieder mit dem ewig Überzeitlichen der schönsten Stadt der Welt konfrontiert worden. Die Grünanlagen sind Friedhöfe (mit einem Gully, wo eigentlich ein Grab sein müsste), die Archive bewahren Papiere (recte: Pergamente) von 1270 auf und es gibt Museen, etwa die Galeries de Paléontologie et d’Anatomie comparée, in denen sich seit hundert Jahren nichts geändert hat (und noch nicht einmal jemand den Spiritus in den Konservierungsgläsern mit der “jeune chat” und dem Schimpansen-Ohr nachgefüllt hat).

Am schönsten war aber die Lektüre nach der aufregenden Stadt, der unterhaltsame Briefwechsel zwischen Adorno und Horkheimer im Jahre 1937. Adorno bemerkt, dass sein kommender Aufsatz über Husserl zur Erledigung des philosophischen Idealismus genausoviel beitragen werde wie Charles Henri Sanson zur Revolution.

Charles Henri Sanson?

Die Wikipedia weiß wie immer mehr:

Charles Henri Sanson, eigentlich Chevalier Charles-Henri Sanson de Longval (* 15. Februar 1739 in Paris; † 4. Juli 1806 ebenda) war seit 1778 offizieller Henker von Paris und wurde als “der” Scharfrichter der Französischen Revolution bekannt.

Die angebotenen Dienstleistungen seiner Familie führten immerhin Ludwig XVI., Marie Antoinette, Georges Danton, Camille Desmoulins, Maximilian de Robespierre und Antoine de Saint-Just ins Jenseits. Das eigentlich Witzige erwähnt aber erst der Kommentar zu Adornos Brief und die Wikipedia bestätigt es:

Im April 1793 übergab er sein Amt “de facto” an Sohn Henri Sanson (1767-1840), der es bis zu seinem Tode 1840 47 Jahre innehatte. [...] Henri-Clément (Henry-Clément) war der sechste und letzte in der Familie, der das Henkeramt seit 1830 als Assistent und offiziell von 1840 bis 1847 ausübte. Er vollzog 18 Hinrichtungen (darunter die von Pierre-François Lacenaire und Victor Avril 1836) und musste 1847 wegen seiner krankhaften Spielsucht seine Guillotine verpfänden. Als es bekannt wurde, kam er in Haft und musste den Behörden alles darlegen. Der französische Justizminister sah sich gezwungen, die Schulden seines Henkers zu bezahlen.

Wir lernen also, dass die Guillotine nicht etwa im Staatsbesitz war, sondern, gewissermaßen als eine frühe Form des Outsourcing (oder der Public Private Partnership?), im Privatbesitz der Familie Sanson. Der Staat mietete demnach von der selbständigen Familie Sanson die Guillotine für seine Zwecke an, während die Familie sich mit ihrem Investment in den Apparat (oder sollte man mit Marx sagen: als Besitzerin von Produktionsmitteln?) über Wasser hielt.

Man stelle sich vor, wie der Nationalkonvent ein Gesetz zur Schaffung von Ich-AGs erlässt und die Familie Sanson sich mit dem Geld den Zusammenbau einer ordentlichen Guillotine ermöglicht, diese beständig weiterentwickelt, pflegt und verbessert…

Im Übrigen kann man in der Wikipedia nachlesen, dass Herr Sanson (im Gegensatz zu Herrn Dr. Guillotin selbst) einen großen Anteil an der Erfindung der Guillotine hatte. Umgesetzt wurde die Idee aber letztendlich von, natürlich, einem Deutschen. Der Tod ist eben doch ein Meister aus Deutschland, in diesem Fall lt. Wikipedia in Person des deutschen Klavierbauers (!) Tobias Schmidt, der im Auftrag von Herrn Sanson die erste Guillotine baute.

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    Ich finde Niemanden, der so häufig Recht hätte, wie ich ! (Arno Schmidt: Die Umsiedler, BA I/1, S. 275)

    Das Verzweifelte, daß die Praxis, auf die es ankäme, verstellt ist, gewährt paradox die Atempause zum Denken, die nicht zu nutzen praktischer Frevel wäre. (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 243)

    Schlechtes Benehmen halten die Leute nur für eine Art Vorrecht, weil keiner ihnen aufs Maul haut. (Klaus Kinski)

    I cannot persuade myself that a beneficent and omnipotent God would have designedly created parasitic wasps with the express intention of their feeding within the living bodies of Caterpillars. (Charles Darwin)

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