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Kleine Firma, kleines Denken: Jako mahnt Blogger ab

Ach, ach, ach, wir haben doch immer Verständnis für die Kleinen in dieser Welt. Seien es die kleinen Tiere, selbst die Milben, Viren und Bakterien, denen wir ob ihrer Zähigkeit, ihres (den unseren weit übertrumpfenden) evolutionären Erfolges oder auch nur aufgrund ihrer schieren Masse Lob, Achtung und Respekt zollen, seien es die kleinen Dinge, die Streichhölzer, die Reisszwecken oder die sich immer so bewunderswert stark und mutig wehrenden Büroklammern.1

Und genauso haben wir ein Herz für die vielen kleinen Firmen, die den Logo-Giganten da draussen in der Welt Paroli bieten und, und für den zu erörternden Fall passt das Bild ganz besonders, den großen Markenartiklern vor das Schienbein treten, ihnen Paroli bieten und sich als eine Art Robin Hood der marktökologischen Nischen annehmen, Kontakt zu ihren Kunden halten und Produkte produzieren, die die Welt vielleicht doch noch braucht.

Wer von uns denkt nicht beim Wohlklang des Wortes “Mittelstand” sofort an bewestete Familienpatriarchen, die morgens zunächst einen Gang duch die Fabrikhalle machen, jeden Mitarbeiter seit Jahrzehnten mit Namen kennen und hier und da aufmunternde Worte, ein “Läuft’s?” oder ein “Weiter so!”, fallen lassen und sich dann an ihren generationenhaltigen Schreibtisch setzen, um auf ehrliche und anständige Art und Weise sich selbst und die treuen Schäfchen der Belegschaft durch gute und schlechte Zeiten zu bringen?

Aber was müssen wir da über den im Vergleich (und oft auch ganz praktisch) zu Nike oder Adidas in der dritten Liga spielenden Sporttrikothersteller Jako lesen: die im Auftrag von Jako handelnde Anwaltskanzlei Horn & Kollegen und genauer die dort arbeitende Rechtsanwältin Iris Sanguinette2 mahnt einen Blogger wegen “unzulässiger Schmähkritik” ab, der sich, wie man zusammenfassend bei allesaussersport nachlesen kann, negativ über das neue Logo der Firma Jako geäussert hat. Und obwohl der Blogger Trainer Baade den betreffenden Beitrag zeitnah vom Netz genommen und die Abmahnungskosten beglichen hat, treibt die Anwaltskanzlei, offenbar ohne auch nur oberflächliche Kenntnis der technischen Gegebenheiten, bei dem Blogger zunächst weitere Kosten ein, da der Beitrag bei Dritten, nämlich den unseligen Feed-Aggregierern, aufgetaucht ist. Zusammenfassend schreibt allesaussersport:

Deswegen hat Trainer Baade sich – seiner Ansicht nach – von Anfang an im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten kooperativ verhalten. Sein von zirka 400 Personen gelesener Blogeintrag wurde schnell runtergenommen, eine Unterlassungserklärung unterzeichnet und eine Zahlung geleistet. Und trotzdem sind wir jetzt Ende August bei 5.100,- Euro angelangt und es steht eine Rechtsauffassung im Raum die förmlich garantiert, dass die nächste Vertragsstrafe folgen wird. Selbst Agenturen die sich auf das Löschen von Daten und Einträgen aus Websites und Suchmaschinen spezialisiert haben (”Reputations-Management“), geben weder Garantie für ihren Erfolg, noch treffen sie konkrete Zeitaussagen wie lange sie brauchen, bis inkriminierte Stellen entfernt sind!

Ich versuche die Auseinandersetzung in diesem Blogeintrag bewusst auf die persönliche Ebene zu ziehen, denn keinerlei Abstraktion soll darüber hinwegtäuschen, dass die Art und Weise wie JAKO und Iris Sanguinette die Auseinandersetzung behandeln, massiv in das Leben eines Menschen eingreifen. Nicht gestern und heute, sondern seit Mai und wenn es wirklich zur Vertragsstrafe kommt, für viele weitere Monate, wenn nicht sogar Jahre.

Ein Unternehmen wie die JAKO AG, die sich in den Schreiben u.a. auf Augenhöhe mit Adidas in Sachen Trikotsverkauf sieht und mit der Rückhand von einem Jahresumsatz von über 60 Millionen Euro schreibt, kann nicht durch einen nur zirka 400 Leser erreichenden Blogeintrag meßbar geschädigt werden. Das ist schlichtweg irre! Die JAKO AG und Iris Sanguinette müssen sich fragen – ja sogar vorwerfen – lassen, dass ihnen die Maßstäbe bei der Beurteilung des angeblichen Schadens komplett entglitten sind und sie bei der technischen Beurteilung über die Machbarkeit der Entfernung solcher Passagen außerhalb der eigenen Website nicht realitätsnah urteilen.

Ich empfehle allen Lesern und Leserinnen, sich dieses Paradestück an schlechter Öffentlichkeitsarbeit bei allesaussersport genau durchzulesen und daraus zu lernen. Nicht zu lernen, wie man Blog-Beiträge so schreibt, dass es Anwaltskanzleien gefällt, sondern zu lernen, bei welchen Unternehmen mit welcher “Attitude” man seine Produkte kauft. Die Haltung eines Unternehmens, und damit sind wir wieder bei unserer Bakterien & Milben-Einleitung, zeigt sich in den kleinen Dingen, nicht in dem großen Marketinggefuchtel und -gebrabbel. Gerade ein Mittelständler wie die Firma Jako, die mit Nähe zur Basis und engen Kundenbeziehungen ihr Geld macht, sollte sich überlegen, wie solch ein Verhalten auf die potentiellen Käufer wirkt. Will man wirklich Produkte eines Unternehmens kaufen, dass sich so gegenüber der – zugegebenermaßen meinungsfreudigen – Öffentlichkeit verhält?

Hier die wichtigsten Links:

  1. Jedoch müssen wir hier dem ebenfalls hochverehrten Max Goldt beipflichten, dass beim gemeinen Mann die Tierliebe mit der Tiergröße abnimmt, denn jedermann und -frau kümmert sich um Blauwale und lässt sie sogar mit einem darwinschen Augenzwinkern à la “die sind doch viel fitter als wir in ihrer trägen, gemütlichen und ausgeruhten Art, durch die Meere zu schwimmen” auf überaus kitschigen Plakaten am Arc de Triomphe vorbeischwimmen, kümmert sich aber nicht um die teppichinterne Milbenepidemie, die die Hälfte der Milbenpopulation dahinrafft… []
  2. Und wir verkneifen uns hier selbstverständlich den naheliegenden Verweis auf den Sanguiniker, der lt. Wikipedia als phantasievoller, gesprächiger und optimistischer Mensch gilt, aber eben auch zum Leichtsinn und häufigen Exzessen neigt. []
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Ein Kommentar

  1. tom
    Erstellt am 02.09.2009 um 13:59Uhr CET | Permanent-Link

    Klar ist und bleibt für mich: Meine U10 und U13 Manschaft bekommt niemals wieder Trikos von Jako.

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  • Motti

    Ich finde Niemanden, der so häufig Recht hätte, wie ich ! (Arno Schmidt: Die Umsiedler, BA I/1, S. 275)

    Das Verzweifelte, daß die Praxis, auf die es ankäme, verstellt ist, gewährt paradox die Atempause zum Denken, die nicht zu nutzen praktischer Frevel wäre. (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 243)

    Schlechtes Benehmen halten die Leute nur für eine Art Vorrecht, weil keiner ihnen aufs Maul haut. (Klaus Kinski)

    I cannot persuade myself that a beneficent and omnipotent God would have designedly created parasitic wasps with the express intention of their feeding within the living bodies of Caterpillars. (Charles Darwin)

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