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Über Wahltristesse und die einverstandenen Nicht-Wähler

Wahlzettel So armselig sieht das aus, wenn man wählen geht, liebe Beim-nächsten-mal-erst-Erstwähler: man sitzt hinter einem Sichtschutz im DDR-Einheitsgrau, ein kümmerlicher Bleistift1 und dann sitzt man – writer’s block lässt grüßen – vor dem großen Wahlzettel und weiß nicht ein und aus und schwankt und überlegt und lässt mögliche Koalitionen vor seinem geistigen Auge ablaufen, geht nochmal das zuvor selbstverständlich zur Wahl nochmal durchgelesene politische System durch und macht dann seine Kreuze und denkt, dass man mit seinem, nun, sagen wir mal 50millionstel Stimmanteil weder großen Schaden noch größere Veränderungen anrichten kann.

Es stellen sich einem aber doch einige Fragen:

  • Warum gestaltet man die Wahlutensilien eigentlich so grauenhaft häßlich?
  • Warum sind Wahllokale so kundenunfreundlich und haben nur bis 18 Uhr geöffnet?

Das Votum der stärksten “Partei” (im nicht-politisch-organisierten Sinne), nämlich der Nicht-Wähler, sollte durchaus ernst genommen werden. Vielleicht ändert sich hier erst etwas, wenn – die Boni in anderen Branchen lassen grüßen – das Gehalt von Politikern auch an der Wahlbeteiligung gemessen wird.

An der Wahlberichterstattung störte teilweise, dass das Nicht-Wählen des öfteren als Protesthaltung gewertet wurde. Wie kommt man nur darauf? Wie glücklich muss doch ein Land sein und wie einverstanden mit den herrschenden Verhältnissen muß die große Gruppe der Nicht-Wähler sein, wenn sie nicht nur den Stimmen”wert” der Wähler gerne durch ihre Abwesenheit anhebt, sondern durch ihre Absenz auch das Einverstandensein ganz praktisch bestätigt.
Die Lage der Nichtwähler, des Landes, des politischen Systems und der allgemeinen Weltlage scheint für die Nichtwähler so gut, nein, sogar so hervorragend zu sein, dass man eine Veränderung oder auch nur Bestätigung des status quo nicht für nötig hält. Und die Nichtwähler scheinen ein so grenzenloses Vertrauen in die Qualität des politischen Systems zu haben, dass sie glauben, dass auch ohne eine “Wahl durch alle” eine solch gute Politik-Qualität aus dem System entspringt, dass man sich nicht darum kümmern muß.

  1. Da gab es zum Besuch der Wahlparty übrigens große Diskussion drüber: sind das Spezialbleistifte? Warum sind das Bleistifte und nicht Kugelschreiber? Kann man da nicht einfach Stimmen ausradieren und ändern? []
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2 Kommentare

  1. YPS
    Erstellt am 12.06.2010 um 16:47Uhr CET | Permanent-Link

    Seit Jahren bin ich Wahlhelfer und komme aus dieser „freiwilligen“ Kiste so schnell auch nicht mehr raus. Das graue Habitat passt also bestens zu der Gemütslage aller Anwesenden. Bei den Stiften handelt es sich natürlich nicht um Bleistifte sondern um super giftige und damit fast liebenswert altmodische Kopierstifte. Sie sind nicht zu radieren und werden, sollte man daran lecken lila, was zwar nicht mehr grau, dafür immer noch giftig ist.

  2. ufz
    Erstellt am 28.09.2009 um 17:43Uhr CET | Permanent-Link

    bei uns gabs kullis sogar in verschiedenen farben… ;O)
    so long

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    Ich finde Niemanden, der so häufig Recht hätte, wie ich ! (Arno Schmidt: Die Umsiedler, BA I/1, S. 275)

    Das Verzweifelte, daß die Praxis, auf die es ankäme, verstellt ist, gewährt paradox die Atempause zum Denken, die nicht zu nutzen praktischer Frevel wäre. (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 243)

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    I cannot persuade myself that a beneficent and omnipotent God would have designedly created parasitic wasps with the express intention of their feeding within the living bodies of Caterpillars. (Charles Darwin)

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