29.09.2009
Atomsemiotik. Oder: Kardinäle für Atommüll.
Liebe Atommüll-Befürworter, bitte denkt daran, dass verlängerte Laufzeiten noch mehr Atommüll produzieren, für den es noch kein “Endlager” gibt, man also nicht so genau weiß, wie es mit dem hochgefährlichen Müll weitergehen soll. Wir empfehlen deshalb allen Schlaumeiern ein vertieftes Studium der Atomsemiotik, die sich vor allem mit einer Frage beschäftigt:
Wie ist es möglich, unsere Nachkommen innerhalb der nächsten 10.000 Jahre über die Lagerungsorte und die besonderen Gefahren von Atommüll zu informieren?«
Die Frage klingt vielleicht zunächst etwas abwegig, aber wenn man sich überlegt, dass wir mit dem Lesen der (wesentlich jüngeren) Hieroglyphen oder der Keilschrift deutliche Schwierigkeiten haben, dann ist klar, dass es mit einem Schild wie “Vorsicht, Atommüll!” nicht getan sein wird, da in 10.000 Jahren niemand mehr deutsch sprechen wird (oder, auch ein Schreckensszenario, sich das Schwäbische als Weltstandard durchgesetzt hat).
Am besten haben uns die folgenden Antworten der Wissenschaftler und Künstler gefallen:
- Der Linguist Thomas Sebeok greift die Idee einer »Atompriesterschaft« auf, eines Gremiums von Experten, das Abgänge nach Art eines Kardinalskollegiums durch Neuernennungen ausgleicht. Wie die katholische Kirche über 2.000 Jahre ihre Botschaft bewahrt und deren Übersetzung in neue Sprachstufen autorisiert hat, so hätte die »Atompriesterschaft« die Botschaft vom Ort der Atommüllager und den Folgen des Eindringens zu bewahren und zu verbreiten, indem sie Rituale und Mythen schafft. Sie würden darauf hinweisen, welche Gebiete zu meiden seien und welche Vergeltung bei Nichtbeachtung drohen.
- Stanisław Lem schlägt Satelliten in der Erdumlaufbahn vor, die Jahrtausende lang Informationen zur Erde senden. Außerdem schlägt er eine biologische Kodierung in der DNA vor im Sinne »mathematischer Codierung auf lebendem Trägermaterial«, das sich wie alle Lebewesen selbsttätig erneuert. Informationspflanzen, die nur in der Nähe von Endlagern wachsen, sollten über die Gefährlichkeit informieren. Der Bauplan dieser so genannten »Atomblumen« soll eventuell Botschaften über Art und Gefahr des betreffenden Lagers enthalten. Allerdings bleibt die Frage offen, wer in 10.000 Jahren die Tatsache verrät, dass die Atomblumen zu diesem Zweck geschaffen wurden, und ob es sich lohnt, ihren Code zu knacken.
- Die französischen Autoren Francois Bastide und Paolo Fabbri schlagen die Züchtung von so genannten Strahlenkatzen vor. Diese Katzen sollten auf Radioaktivität als lebendes Warnzeichen mit Verfärbung reagieren. Um dies zu gewährleisten müssten sie über Märchen und Mythen im kollektiven Bewusstsein der Menschen verankert werden. Dies könne über Dichtung, Malerei und Musik geschehen. Ihr Anliegen ist es, eine Alternative zu einmaligen konstanten Zeichenträgern zu finden, indem sie sich den zyklischen Selbsterneuerungsprozesses der Natur zunutze machen, die Botschaft über Jahrtausende gleich bleiben, die Zeichenträger aber wechseln lässt. Ihr Ziel ist es, nicht nur die Botschaft, sondern auch den Code konstant zu halten.1
Interview zum Thema mit dem Semiotiker Roland Posener in der ZEIT: “Der Totenkopf überlebt nicht”
Thomas A. Seboek: Pandora’s Box: How and Why to Communicate 10,000 Years into the Future
- Quelle: Wikipedia-Artikel über Atomsemiotik [↩]
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