30.09.2009

Herr Baum nutzt das Internet

Wir hatten ja schon bei Spreeblick über Mrs.-longest-name-ever-und-fast-immer-zweizeilig-zu-lesen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mit einigem Erstaunen erfahren, dass die FDP einen Apple-Computer benutzt, aber jetzt schlägt die gestrige Ausgabe der FAZ dem Faß (Faß – FAZ – Faß) den Boden aus: auch der sechsundsiebzigjährige Gerhart Baum, seines Zeichens Innenminister in den Zeiten der RAF-Fahndung1, nutzt einen Computer!!! Und auch einen Apple!!

Wir fanden den Artikel ganz putzig, denn er beschreibt, wie sich ein alter Mann mit der neuen Technik vertraut macht, Verständnis und Sympathie für die Piraten-Partei zeigt und – als eher rechtsliberaler FDPler in der Partei der Besserverdienenden unterwegs – auch in dem neuen Medium die Gefahren der Bespitzelung und Aushorchung von Bürgern sieht wie zu seiner Amtszeit in Sachen Überwachungsstaat und Rasterfahndung (die er allerdings selbst mit befördert hat). Weiter heißt es in dem Artikel:

Als Anwalt hat Baum beim Verfassungsgericht gegen den großen Lauschangriff, das Luftsicherheitsgesetz und die Online-Durchsuchung geklagt – und zwar immer mit Erfolg. Zurzeit laufen Verfassungsbeschwerden gegen die Vorratsdatenspeicherung sowie das BKA-Gesetz. Und sollte Ursula von der Leyens Stoppschildgesetz in Kraft treten, würde Baums Kanzlei vermutlich wieder einen Schriftsatz nach Karlsruhe schicken. „Ihr Gesetz lenkt von den Verursachern ab, die solche Sachen ins Netz stellen. Kinderpornographie ist längst strafbar, die Nutzung auch. Ich habe große Zweifel, ob wir eine zusätzliche Regulierung brauchen. Da müssen nur genügend Leute bei der Polizei her, die das verstehen.“

Das würden wir uns öfters wünschen, dass Politiker jeglicher Couleur zumindest einen interessierten Umgang mit dem Computer zeigen und sich ein kritisches Denken bewahrt haben. Das ist nicht zu erwarten bei der jetzt gewählten Riege, aber die Schere zwischen informierter Gesellschaft (oder zumindest: Informationseliten) und rückständigem Staat öffnet sich immer weiter (13% aller männlichen Erstwähler haben die Piratenpartei gewählt, noch scheint das ein Nerdthema zu sein).

Über welchen Politiker kann man denn schon so einen Satz lesen?:

Kontrolliert Gerhart Baum ab und zu, was das Internet über ihn weiß? „Natürlich! Ich kriege Google Alert!“

Nicht schlecht, Herr Baum.

Hier der vollständige Artikel: Gerhart Baum. Der Anwalt der Freiheit. Von Andreas Rosenfelder in der FAZ vom 29.09.2009, S.39.

  1. Und dazu sagt er im Interview: “Ich habe damals Sachen gemacht, die viel zu weit gingen. Terror wurde als Vorwand für Freiheitsbeschränkung benutzt.” []

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