

Ach, wenn die Welt doch immer so einfach und durchschaubar wie bei den Inglorious Basterds gewesen wäre und am besten auch noch sein würde.
Tatsächlich ist das ja aber alles, um mit Enzensberger zu sprechen, der große Blätterteig der Geschichte, über und über durchgewirkt, geknetet, miteinander vermengt, nicht zu trennen, undurchschaubar, unübersichtlich und rätselhaft. Doch während die Doofen dessenthalben in Denkstarre verfallen oder gläubig werden, staunen wir die Welt an und gucken, was es da so zu entdecken gibt. Über den gestern wiederentdeckten Ror Wolf, dessen Bücher in der heimischen Bibliothek aufgrund ihres unglücklichen “W”-Standortes arg eingestaubt waren, gibt es demnächst noch was, jetzt aber erstmal eine Trouvaille aus unserem hausintern “Nazi-Bildwörterbuch” genannten antiquarischen Schinken.
Anbei einige Bilder aus dem 1938 vom Bibliographischen Institut AG in Leipzig herausgegebenen “Der Große Duden IV. Bildwörterbuch der deutschen Sprache. Hrsg. v. Otto Basler. 1. Aufl., 1. verb. Neudruck.” Neben vielerlei Kuriositäten, Merwürdigkeiten und längst ausgestorbenen Welten (der Schmied, der Raddampfer, das Handvermittlungsamt, das “Tabakskollegium” am Biertisch) merkt man an einigen Bildern die Zeichen der “neuen Zeit”, die Infiltration des Regimes in die vermeintlich neutrale Welt des Lexikons. Die Ahnentafel, “der Kragenspiegel der S.A.-Dienstgrade”, die Wehrverbände das Blindenabzeichen: das Lexikon bildet eben auch die Naziwelt ab und zeigt, zumindest für uns heute aus der Rückschau, die in Verbindung mit dem Jahr 1938 unerträgliche heile Welt der Biergärten, der Kneipen, der Sonnenwendfeier auf dem Thingplatz, der Schulstunde, des Gesangsunterrichts. Aber wie schon Max Goldt richtig bemerkte: auch in der Nazi-Zeit gab es 12 mal eine Spargelzeit.
Merkwürdig nur, dass sich bei den “Haustypen” überaus moderne Häuser eingeschlichen oder gehalten haben. Der von den Nazis präferierte Giebelstil kommt nur in der “Stadtrandsiedlung” vor, während das “Einfamilienhaus” und vor allem das “Doppelhaus” so modern und im International Style des Bauhauses gebaut sind, wie es selbst heutige Bauherren in ihrer architektonischen und bauhistorischen Beschränktheit nicht mehr aushalten würden. Das Flachdach des Bauhauses, nach 1933 schnell als unvölkische Architektur verbannt und geschmäht, taucht 1938 im Bildwörterbuch wieder auf und steht für das typische “Einfamilienhaus”, mitten im Dritten Reich. Ungleichzeitigkeiten überall.