03.02.2010

Schopenhauer über die Menschen und die Hunde

Denn, wie die meisten Menschen einerseits keinen Ueberfluß am Gelde haben, sondern knapp das Nothdürftige; so auch andrerseits nicht am Verstand. Sie haben dessen knapp so viel, wie zum Dienste ihres Willens, d.h. zur Betreibung ihres Erwerbs, ausreicht. Dies gethan, sind sie froh, maulaffen zu dürfen, oder sich an sinnlichen Genüssen, auch wohl an kindischen Spielen zu ergötzen, an Karten, an Würfeln, oder auch sie führen mit einander die plattesten Diskurse, oder sie putzen sich heraus und machen dann einander Bücklinge. Schon Derer, die einen ganz kleinen Überschuß intellektueller Kräfte haben, sind Wenige. Wie nun Die, welche einen kleinen Überschuß am Gelde haben, sich ein Plaisir machen; so machen auch diese sich ein intellektuelles Plaisir. Sie betreiben irgend ein liberales Studium, das nichts abwirft, oder eine Kunst, und sind überhaupt schon eines objektiven Interesses in irgend einer Art, fähig; daher man auch ein Mal mit ihnen konversiren kann. Mit den Andern hingegen ist es besser, sich ncht einzulassen: denn mit Ausnahme der Fälle, wo sie gemachte Erfahrungen erzählen, aus ihrem Fache etwas berichten, oder allenfalls etwas von einem Andern Gelerntes beibringen, wird was sie sagen nicht des Anhörens werth seyn; was man aber ihnen sagt, werden sie selten recht verstehn und fassen, auch wird es meistens ihren Ansichten zuwiderlaufen. Balthazar Gracian bezeichnet sie daher sehr treffend als hombres que no lo son, — Menschen, die keine sind. Für das Bedürfniß aufheiternder Unterhaltung und um der Einsamkeit die Oede zu benehmen, empfehle ich hingegen Hunde, an deren moralischen und intellektuellen Eigenschaften man fast allemal Freude und Befriedigung erleben wird.
Indessen wollen wir überall uns hüten, ungerecht zu werden. Wie mich oft die Klugheit und bisweilen wieder die Dummheit meines Hundes in Erstaunen gesetzt hat; nicht anders ist es mir mit dem Menschengeschlechte gegangen.

Schopenhauer, Arthur: Den Intellekt überhaupt und in jeder Beziehung betreffende Gedanken. In: Parerga und Paralipomena Zweiter Band, Werke Bd. V, S. 82.

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