Ach, das Bürgertum ist schon ein merkwürdiges Phänomen. Wer heute morgen im Mediengespräch im Deutschlandradio Patrick Schwarz, seines Zeichens “stellvertr. Ressortleiter Politik” der ZEIT, gehört hat, muß sich ernsthaft fragen, wo denn das Personal der Postille für das besserverdienende liberale Bürgertum so lebt. Mit einem Ausdruck ungläubigen Erstaunens wird da festgestellt, dass auch an einer “sehr renommierten, reformpädagogisch orientierten Schule” Mißbrauchsfälle aufgetreten sind. Man muß das einfach gehört haben (hier der Link zum Podcast)1, wie ein Vertreter des Bürgertums hier so tut, als ob das gar nicht sein kann, dass es “selbst” an einer “reformpädagogischen” (zu sprechen mit einer leicht erhöhten Nase und in einem norddeutsch-elbischen, vorzüglich hamburgischen Ton) Schule zum Mißbrauch von Kindern kommt.
Frappierend ist dabei das Argument, dass so etwas doch gerade an einer “reformpädagogischen” Schule nicht passieren könne, da man in der Reformpädagogik doch “nur Gutes” wolle. ???? Wie ist das denn an anderen Schulen, an Priesterseminaren, in katholischen Schulen, in Knabenchören? Sind die denn bisher schon als Schulen des Bösen geführt worden? Weiß denn ein ZEIT-Redakteur nicht, dass Kindesmißbrauch kein schichtenspezifisches Phänomen ist? Weiß er denn nicht, dass es elende Kinderficker nicht nur außerhalb von Waldorf- und anderen “reformpädagogischen” Schulen oder nur außerhalb des liberalen Bürgertums gibt, sondern auch mittendrin?
Diese ganze Art des überraschten Erstaunt-seins zeigt doch nur einmal mehr in einer besonders deutlichen Facette, dass man jetzt auch in der ZEIT-Redaktion, dem ideologischen Zentrum der Bürgerlichkeit, (langsam, sehr sehr seeeehr langsam) begreift, dass man auch durch das ganze gut-bürgerliche Erziehungsbrimborium, durch PEKIP, durch Radfahren mit Helm, durch Mit-dem-SUV-zur-Schule-gebracht-werden, durch Reitunterricht, durch Hanni-und-Nanni-Lektüre, durch den “besseren” oder gleich den Montessorikindergarten, durch die Waldorfschule, durch dieses ganze bürgerliche Gehabe und Getue keinen Deut besser wird als der Rest.
Es sind eben auch dann nur kleine, verachtenswürdige Kinderschänder, wenn sie an einer “reformpädagogischen” Schule Lehrer sind. Immerhin sieht Herr Schwarz – natürlich: überaus erstaunt und überrascht – auch die interessante “Spiegelung” der Mißbrauchs-Phänomene in katholischen und reformpädagogischen Schulen.
Übrigens bezeichnet Herr Schwarz in dem Interview zu allem Überfluß auch noch gut-selbstgerecht die ZEIT als “Fanfare der Aufklärung”. Ha, ha, ha, selten, wirklich selten so gelacht.
- Es ist der Podcast von heute, dem 11.3.2010 zum Thema “Interessieren sich die Leser der ZEIT vermehrt für Glauben und Religion?” [↩]
Ein Kommentar
Man hätte im D-Radio das hier als musikalisches Rahmenprogramm wählen sollen:
http://www.youtube.com/watch?v=bGhJbr7DMmg