Der Skandal sind doch Köhlers Äußerungen und die laue bis kaum vorhandene Reaktion der deutschen Öffentlichkeit. Hier nochmal der O-Ton von Köhler laut der Süddeutschen Zeitung:
Meine Einschätzung ist aber, dass wir insgesamt auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen – negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen.”
Mit anderen Worten: Kriege führen ist super, und das verstehen immer mehr Bundesbürger, denn es geht um unser aller Wohlstand, denn wir sind ein Exportland, das notfalls mit Waffengewalt seine Märkte verteidigen (oder erobern?) muß. Das klingt eben doch sehr stark nach dem alten Hegemonialdenken, nach den alten kolonialistischen Entschuldigungen für Einmärsche in Tsingtao oder dem damaligen “Deutsch-Südwest”.
Wie wäre es denn gewesen, wenn Herr Köhler mal nicht die Arbeit der Bundeswehr in höchsten Tönen gelobt hätte, sondern – zumal im Land der Dichter und Denker – die aufopferungsvoll an einer Goethe-Edition, an einer Hölderlin-Ausgabe oder einem Nachbarschaftsprojekt arbeitenden jungen Leute? Warum wird die oft jahre- oder sogar jahrzehntelange entbehrungsreiche Arbeit zum Beispiel an einer Schiller-Goethe-Briefedition nicht ebenso als Dienst am Vaterlande gepriesen? Immerhin bringt die auch etwas fass-, begreif- und nachlesbares zur Welt. Vom Bundeswehreinsatz bleiben unter Umständen nur ein paar ausgebrannte Tanklastzüge und eine Menge Feinde in einem Land fernab von Deutschland übrig.
Und was soll dieser Ton eines Bundespräsidenten, der einen “politischen Diskurs in der Gesellschaft” darüber verlangt, “wie es kommt, dass Respekt und Anerkennung zum Teil doch zu vermissen sind, obwohl die Soldaten so eine gute Arbeit machen”. Wie kommt man ein Bundespräsident dazu, Kritikern von Militäreinsätzen den Respekt und die Anerkennung für die Bundeswehr abzusprechen, nur weil sie den Militäreinsatz ablehnen?
Wenn ein Bundespräsident solche Äußerungen macht, muß er völlig zu recht seinen Hut nehmen.
Das komplette Interview mit dem Ex-Bundespräsidenten Köhler gibt es hier: Köhler: Mehr Respekt für deutsche Soldaten in Afghanistan.