Ja, das fanden wir schön, was Ludwig Feuerbach über sich selbst (sic) anonym in einem Lexikonartikel schrieb:

Ludwig Feuerbach, geboren den 28. Juli 1804, welcher die Rolle seines Vaters zu wiederholen bestimmt scheint, aber auf einem ganz anderen Gebiete, studierte erst Theologie, dann Philosophie in Heidelberg und Berlin, dozierte einige Jahre in Erlangen, zog sich dann im Bewusstsein, dass eine Universität, wo „außer dem Kartoffelbau der Brotwissenschaften nur die fromme Schafszucht im Flor ist“ , kein Ort für ihn sei und zog sich „im Gefühl, dass er mit Gedanken schwanger gehe, die nur in einem ungestörten und unabhängigen Leben zur Reife gedeihen könnten“ aufs Land zurück.

Gehört in einem überaus hörenswerten Feature von Rolf Cantzen: Ludwig Feuerbach – Der Philosoph, der die Menschen liebte.

Ein sehr hörenswertes Features gab es am 18.10. im Deutschlandradio zu hören: Der Oberst betet. Die neuen Helden der Bundeswehr. Von Marc Thörner. Das Manuskript zur Sendung kann man hier als PDF runterladen. Beim Hören ist uns besonders die folgende Passage im Gedächtnis geblieben:

O-Ton Lindemann [dt. Hauptmann, Nachrichtenoffizier für Informationsgewinnung, seit Dezember 2008 in Kunduz stationiert] Was die zivilen Schäden betrifft, sagt das Kriegsvölkerrecht, dass es in einem Verhältnis stehen muss zum erwarteten militärischen Erfolg. Wenn ich das mal einfach runterbreche heißt das: der militärische Erfolg muss so groß sein, dass ich dann zivile Opfer akzeptieren kann, das sagt das Kriegsvölkerrecht.

Autor: Aber welcher militärische Erfolg steckte in der Bombardierung von Zivilisten, die Benzin klauen wollten? Die Beschreibungen der Nacht vom 3. auf den 4. September 2011, die bald in der Presse kursierten, drehten sich immer wieder um diese einsame Entscheidung Oberst Kleins. Nachdem der deutsche Oberst einen Feindkontakt erfunden und so den Weg für den Bombenabwurf freigemacht hatte, ging er in die Kapelle des Feldlagers. Dem Untersuchungsausschuss sagt er später

Zitator Klein: „Wir waren traurig, weil wir der Meinung waren, wir hatten eine schwere Entscheidung zu treffen und wir gingen unseres Weges, und ich bin, wenn ich das hier sagen darf, in die Kapelle gegangen und habe danach erst einmal gebetet.“

Ach, so geht das also beim Militär? Erstmal 142 Leben ausradieren und dann ab in die Kapelle? Aber ehrlich gesagt haben wir es uns GENAU so auch gedacht.

Wir empfehlen unseren werten Lesern und Leserinnen deshalb, sich das Ganze selbst anzuhören, hier als MP3, hier als Flash-Audio, auch und gerade weil das Thema des Kunduz-Bombardements aus den Medien verschwunden ist.

Man kann viel hören und lernen abseits der Tagesaktualität, zum Beispiel über die beileibe nicht einfache Situation und Arbeit der Soldaten in Afghanistan, aber auch über den Zynismus des Kriegsvölkerrechts und seiner konkreten, durch die Situation erzwungenen Auslegung durch die Soldaten vor Ort. Irgendwann sind eben die Menschen nur noch abstrakte Recheneinheiten in der Abwägung von Kommandeuren, die einen (oft vage bleibenden) militärischen Erfolg gegen die Leben vor Ort aufwiegen müssen. Man kann nur froh sein, wenn man nicht selbst Teil eines solchen Rechenexempels ist oder wird.

Nebenbei lernt man in dem Feature einiges über die oftmals haarsträubenden und obskuren Kontinuitäten des deutschen Militärs in Afghanistan, u.a. über den Ostasienspezialist Ritter von Niedermayer, der während des 1. Weltkriegs in Afghanistan Paschtunenstämme zu einem Aufstand gegen Britisch-Indien organisieren sollte. Und über Dr. med Manfred Oberdörffer (†1941 in Kabul), der im Auftrag des militärischen Geheimdienstes (Amt Ausland/Abwehr; Chef: Admiral Canaris) und des Auswärtigen Amtes mit islamischen Fundamentalisten im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und dem damaligen Britisch-Indien Kontakt halten sollte.

Erstaunt? Wie gesagt, man lernt viel in diesem Feature. Anhörbefehl!

Sehr amüsant, was man in einem Essay im Deutschlandradio hören konnte:

Man stelle sich kurz vor, es hätte schon 1968 statt selbst gedruckten Flugblättern und „Infos“ einen Online-Liveticker gegeben, etwa bei den „Springer-Blockaden“ oder beim Vietnamkongress in Berlin:

„15.45 Uhr. Rudi Dutschke spricht: ‚Genossen, Antiautoritäre, Menschen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und ist keine Phrase.‘

16.22 Uhr. Dutschke kommt zum Schluss: ‚Die Revolutionierung der Revolutionäre ist so die entscheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der Massen. Es lebe die Weltrevolution und die daraus entstehende freie Gesellschaft freier Individuen!‘

16.23 Uhr. Frenetischer Beifall, rhythmisches Klatschen. Ho-ho-ho-tschi-Minh-Rufe!“

„Kursbuch online“ hätte brandaktuelle Videos von Napalm-Bombenangriffen dazu gestellt, einen Link zum Blog von Dieter Kunzelmann „Orgasmusschwierigkeiten machen uns nicht kaputt!“ und eine tägliche Zusammenfassung „Kommune 1 intim“ mit Rainer Langhans und Fritz Teufel unter dem Titel „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient …“ . Allein die Twitter-News von Uschi Obermaier – „Leute, Mick Jagger ist irre dünn, ey!“ – hatten 100.000 Follower. Schon um 16.31 Uhr wäre der live geschriebene Online-Kommentar zur Dutschke-Rede von Peter Schneider Zeit zu handeln! auf die Homepage gegangen. Ein Trailer zum abendlichen Teach-in mit Herbert Marcuse Kampf der repressiven Toleranz! samt einem Grußwort von JeanPaul Sartre – „Der Mensch ist frei!“ – hätte die Aufmachung der Homepage an diesem Nachmittag abgerundet, bevor der Liveticker aus Ho-Tschi-Minh-Stadt nahtlos gefolgt wäre. Apocalypse now. Bleiben Sie dran!

Hier der vollständige Essay, den man sich auch als Podcast runterladen kann: Online-Medien oder: Die Sklerotisierung der Öffentlichkeit. Journalismus in der Krise (2/2). Von Reinhard Mohr.

Bob Dylan Theme Time Radio HourEinem Gönner verdanken wir den Zugang zu unendlich vielen Ausgaben von Bob Dylans Theme Time Radio Hour, einer echten Perle des Radios. Nochmals Dank dafür.

Hier singt kein Bob Dylan, sondern als „Host“ spielt er Musik, erzählt mit einer schier überirdischen Stimme Anekdoten, wühlt in seiner persönlichen Musikgeschichte, bringt Perlen, Merkwürdigkeiten und Spezialitäten zu Gehör, von denen man noch nie gehört hat.

Das Wall Street Journal schrieb über Dylans Radiosendung:

To listen to ‚Theme Time Radio Hour‘ is to rediscover the sense of musical adventure that old-fashioned disc jockeys with strongly individual personalities offered in the days before big-money stations pinned their fiscal hopes to the rigid Top 40-style playlists that took the fun out of radio. ((„Bob Dylan’s Day Job: A ’60s troubadour turns postmodern disc jockey“ in Sightings by Terry Teachout, W14, June 21-22, 2008, The Wall Street Journal.))

Und auch wir können dieses echte (im mehrfachen Wortsinne) Hörerlebnis nur empfehlen für alle, die Abenteuer für die Ohren (und den Rest vom Kopf) suchen.

Wer schlau ist, findet auch einen Download.

1970

Kategorie: Erlebt, Gehört, Gelinkt

Draußen vor dem Büro zupft der Kindergärtner auf der Gitarre (ohne dass die lärmenden Kindern ihn weiter würdigen). Da fallen mir gut-proustisch die eigenen Vergangenheiten ein:

Tja, warum werden wir eigentlich, wo doch in Deutschland alles geregelt und geordnet ist, nicht darüber inforamiert, was im Falle eines Falles zu tun ist? Kein Frankfurter weiß, was zu tun ist, wenn das nahe AKW Biblis hochgeht. Es gab zu diesem Thema ein interessantes Interview im Deutschlandradio mit dem Leiter des Münchner Otto-Hug-Strahleninstitutes, Prof. Edmund Lengfelder. Unter anderem sagte er:

Lengfelder: Also die Katastrophenschutzpläne in Deutschland, die ich ja ziemlich genau seit mehr als 20 Jahren studiere, würden nicht zu einer besseren Reaktion im Vergleich zu Japan führen. Denn bei uns ist man so darauf fixiert, dass es bei uns nicht passieren kann, dass man sich auch nicht solide und ernst darauf vorbereitet. Und das kommt insbesondere auch dadurch zum Ausdruck, dass es für die Menschen jetzt im Umkreis von deutschen Atomkraftwerken – also nicht jetzt in der Zentralzone, aber im Umkreis – keine Jodtabletten gibt, die bei der Bevölkerung schon zu Hause sind. Sondern da sagen unsere Behörden und die Kraftwerksbetreiber, das werden wir dann verteilen, wenn der Super-GAU eingetreten ist. Das ist aber illusorisch, dann wird nichts mehr verteilt, weil dann auch die Infrastruktur nicht mehr funktioniert. Die Menschen müssten Jodtabletten, die auch nur gegen das radioaktive Jod schützen, das heißt Schilddrüsenkrebs vermeiden können, müssen sie zu Hause haben. Gegen alle anderen tumorauslösenden Wirkungen von Strahlungen gibt es keinen Schutz, außer große Entfernungen, das heißt, die Strahlung vermeiden.

Und:

Lengfelder: Also als Erstes, die Jodtabletten müssen im Umkreis von 50 Kilometer mindestens bei den Leuten sein. Wenn wir uns unser Nachbarland Österreich anschauen: Die Österreicher haben kein Atomkraftwerk, und dort wird von Staats wegen die gesamte Bevölkerung mit Jodtabletten aus Apotheken versorgt. Es kann jede Person in die nächste Apotheke gehen und sagen, hier, ich bin Österreicher, ich möchte meine Jodtabletten, und er bekommt sie gratis.

Und:

Und diese ganze Geheimniskrämerei, einschließlich der zentralen Lagerung der Jodtabletten, die auch nur gegen Schilddrüsenkrebs, aber nicht gegen all die anderen Krebse helfen, diese Geheimniskrämerei soll nach der Strategie unserer Kraftwerksbetreiber und unserer Politik eine Beunruhigung in der Bevölkerung vermeiden helfen und insbesondere den Schluss vermeiden helfen, aha, ich hab Jodtabletten bekommen, die rechnen ja selber mit so einem Unfall. Und dass man das aber nicht tut, zeigt eigentlich in meinem Augen die Verantwortungslosigkeit. Ich hab heute im Radio den Umweltminister Röttgen den Satz aussprechen hören: Jetzt müssen wir all unsere Verantwortung zusammenkratzen, um das Problem zu lösen. Wenn ich etwas zusammenkratze, ist nicht mehr viel davon da. Ich denke, da hat das Unterbewusstsein dem Herrn Röttgen einen Streich gespielt.

Hier das komplette Interview: Strahlenbiologe kritisiert „Geheimniskrämerei“. Mangelnde Information über Atom-Notfallpläne in Deutschland. Edmund Lengfelder im Gespräch mit Liane von Billerbeck, Deutschlandradio Kultur vom 15.03.2011

Eigentlich war dieses Lied mal in einer – wie ich finde – schöneren Aufnahme, mutmaßlich mit Dietrich Fischer-Dieskau, das Outro der legendären Radiosendung Sprechfunk und hat also des öfteren tatsächlich den Schlaf des Autors nach der nächtlichen Sendung eingeleitet. Aber nichtsdestotrotz ist das Lied auch in dieser Aufnahme und auch ohne Sprechfunk wunderschön:

Ach, das Bürgertum ist schon ein merkwürdiges Phänomen. Wer heute morgen im Mediengespräch im Deutschlandradio Patrick Schwarz, seines Zeichens „stellvertr. Ressortleiter Politik“ der ZEIT, gehört hat, muß sich ernsthaft fragen, wo denn das Personal der Postille für das besserverdienende liberale Bürgertum so lebt. Mit einem Ausdruck ungläubigen Erstaunens wird da festgestellt, dass auch an einer „sehr renommierten, reformpädagogisch orientierten Schule“ Mißbrauchsfälle aufgetreten sind. Man muß das einfach gehört haben (hier der Link zum Podcast) ((Es ist der Podcast von heute, dem 11.3.2010 zum Thema „Interessieren sich die Leser der ZEIT vermehrt für Glauben und Religion?“)), wie ein Vertreter des Bürgertums hier so tut, als ob das gar nicht sein kann, dass es „selbst“ an einer „reformpädagogischen“ (zu sprechen mit einer leicht erhöhten Nase und in einem norddeutsch-elbischen, vorzüglich hamburgischen Ton) Schule zum Mißbrauch von Kindern kommt.

Frappierend ist dabei das Argument, dass so etwas doch gerade an einer „reformpädagogischen“ Schule nicht passieren könne, da man in der Reformpädagogik doch „nur Gutes“ wolle. ???? Wie ist das denn an anderen Schulen, an Priesterseminaren, in katholischen Schulen, in Knabenchören? Sind die denn bisher schon als Schulen des Bösen geführt worden? Weiß denn ein ZEIT-Redakteur nicht, dass Kindesmißbrauch kein schichtenspezifisches Phänomen ist? Weiß er denn nicht, dass es elende Kinderficker nicht nur außerhalb von Waldorf- und anderen „reformpädagogischen“ Schulen oder nur außerhalb des liberalen Bürgertums gibt, sondern auch mittendrin?

Diese ganze Art des überraschten Erstaunt-seins zeigt doch nur einmal mehr in einer besonders deutlichen Facette, dass man jetzt auch in der ZEIT-Redaktion, dem ideologischen Zentrum der Bürgerlichkeit, (langsam, sehr sehr seeeehr langsam) begreift, dass man auch durch das ganze gut-bürgerliche Erziehungsbrimborium, durch PEKIP, durch Radfahren mit Helm, durch Mit-dem-SUV-zur-Schule-gebracht-werden, durch Reitunterricht, durch Hanni-und-Nanni-Lektüre, durch den „besseren“ oder gleich den Montessorikindergarten, durch die Waldorfschule, durch dieses ganze bürgerliche Gehabe und Getue keinen Deut besser wird als der Rest.

Es sind eben auch dann nur kleine, verachtenswürdige Kinderschänder, wenn sie an einer „reformpädagogischen“ Schule Lehrer sind. Immerhin sieht Herr Schwarz – natürlich: überaus erstaunt und überrascht – auch die interessante „Spiegelung“ der Mißbrauchs-Phänomene in katholischen und reformpädagogischen Schulen.

Übrigens bezeichnet Herr Schwarz in dem Interview zu allem Überfluß auch noch gut-selbstgerecht die ZEIT als „Fanfare der Aufklärung“. Ha, ha, ha, selten, wirklich selten so gelacht.