Archiv für die 'Gehört' Kategorie
11.03.2010
Das Bürgertum wundert sich
Ach, das Bürgertum ist schon ein merkwürdiges Phänomen. Wer heute morgen im Mediengespräch im Deutschlandradio Patrick Schwarz, seines Zeichens “stellvertr. Ressortleiter Politik” der ZEIT, gehört hat, muß sich ernsthaft fragen, wo denn das Personal der Postille für das besserverdienende liberale Bürgertum so lebt. Mit einem Ausdruck ungläubigen Erstaunens wird da festgestellt, dass auch an einer “sehr renommierten, reformpädagogisch orientierten Schule” Mißbrauchsfälle aufgetreten sind. Man muß das einfach gehört haben (hier der Link zum Podcast)1, wie ein Vertreter des Bürgertums hier so tut, als ob das gar nicht sein kann, dass es “selbst” an einer “reformpädagogischen” (zu sprechen mit einer leicht erhöhten Nase und in einem norddeutsch-elbischen, vorzüglich hamburgischen Ton) Schule zum Mißbrauch von Kindern kommt.
Frappierend ist dabei das Argument, dass so etwas doch gerade an einer “reformpädagogischen” Schule nicht passieren könne, da man in der Reformpädagogik doch “nur Gutes” wolle. ???? Wie ist das denn an anderen Schulen, an Priesterseminaren, in katholischen Schulen, in Knabenchören? Sind die denn bisher schon als Schulen des Bösen geführt worden? Weiß denn ein ZEIT-Redakteur nicht, dass Kindesmißbrauch kein schichtenspezifisches Phänomen ist? Weiß er denn nicht, dass es elende Kinderficker nicht nur außerhalb von Waldorf- und anderen “reformpädagogischen” Schulen oder nur außerhalb des liberalen Bürgertums gibt, sondern auch mittendrin?
Diese ganze Art des überraschten Erstaunt-seins zeigt doch nur einmal mehr in einer besonders deutlichen Facette, dass man jetzt auch in der ZEIT-Redaktion, dem ideologischen Zentrum der Bürgerlichkeit, (langsam, sehr sehr seeeehr langsam) begreift, dass man auch durch das ganze gut-bürgerliche Erziehungsbrimborium, durch PEKIP, durch Radfahren mit Helm, durch Mit-dem-SUV-zur-Schule-gebracht-werden, durch Reitunterricht, durch Hanni-und-Nanni-Lektüre, durch den “besseren” oder gleich den Montessorikindergarten, durch die Waldorfschule, durch dieses ganze bürgerliche Gehabe und Getue keinen Deut besser wird als der Rest.
Es sind eben auch dann nur kleine, verachtenswürdige Kinderschänder, wenn sie an einer “reformpädagogischen” Schule Lehrer sind. Immerhin sieht Herr Schwarz – natürlich: überaus erstaunt und überrascht – auch die interessante “Spiegelung” der Mißbrauchs-Phänomene in katholischen und reformpädagogischen Schulen.
Übrigens bezeichnet Herr Schwarz in dem Interview zu allem Überfluß auch noch gut-selbstgerecht die ZEIT als “Fanfare der Aufklärung”. Ha, ha, ha, selten, wirklich selten so gelacht.
- Es ist der Podcast von heute, dem 11.3.2010 zum Thema “Interessieren sich die Leser der ZEIT vermehrt für Glauben und Religion?” [↩]
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16.01.2010
Lehrreiches Feature über unseren Staat
Es ist nicht nur eine Lehrstunde für alle, die “nichts zu verbergen haben” (aber warum leben die dann nicht mit einem schönen großen Schaufenster zur Straße hin in einer Ladenwohnung?), die gerne wie Schwerverbrecher bei Reisen Fingerabdrücke von sich nehmen lassen, die sich mit Begeisterung über “mehr Sicherheit” nacktscannen lassen und auf Facebook ihr Privatleben mit einem lockeren “Hallo Welt!” präsentieren.
Es ist vielmehr auch für alle Kritikaster, die schon immer ‘nach drüben’ gehen sollten (und man wusste nie, ob jene ihnen wirklich nur die DDR oder nicht doch gleich ‘die andere Seite’ antun wollten), für alle Weltabgewandten, alle in geistiger Klausur und öffentlicher Abstinenz Lebenden überaus lehrreich, erhellend und schockierend, was der Staat mit uns, seinen Bürgern macht, wie er sich benimmt, wie ignorant er gegenüber unseren Grundrechten ist, wie er in seiner Parallelwelt der “Aktenzeichen” lebt und dabei das Recht, das Maß, die Verhältnismäßigkeit und oft genug sogar den gesunden Menschenverstand vergißt.
Beim Deutschlandfunk gibt es das Feature “Kafka, Kanzler und da knackt nichts” (Sendezeit: 12.01.2010 19:15, Autor: Siemann, Holger, Länge: 43:29 Minuten) zum Anhören und zum Download (und vielleicht ja sogar zum Weiterverausborgen an Freunde, denn eigentlich sollten das ALLE hören und sich danach fragen, ob sie richtig gewählt haben und was zu tun ist.
Einfach hier klicken und im Browser “Sichern als” oder “Seiteninhalt sichern als…” aus dem Ablage-Menü wählen, schon hat man eine schöne MP3-Datei zum Weitergeben an Freunde und zum Wiederanhören.
Das Feature zum Nachlesen gibt es hier: Kafka, Kanzler und da knackt nichts. Aus dem Inneren eines Überwachungsstaates. Von Holger Siemann. Ein Ausschnitt aus dem Feature-Text:
O-Ton: Ströbele (Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundes für die Geheimdienste)
Nein, also wir scheitern häufig auch daran, dass wir einfach gar nicht die Zeit haben, auch ich nicht, all die Akten zu lesen, die wir dann zur Verfügung gestellt bekommen. Das sind ja nicht, das ist ja dann nicht ein kleiner Hefter, sondern zehn, fünfzehn Leitz-Ordner, wann soll ich denn das alles lesen? Dazu muss ich ja dann auch immer in den Geheimschutzraum gehen, also kann ich das auch nicht nebenher hier im Büro erledigen.
Erzähler:
Während in den USA nach dem 11.September nur 0,5 Abhörungen auf 100 000 Einwohner kommen, sind es in Deutschland 15, also das Dreißigfache3! Fehlt es uns an demokratischer Tradition? An heilsamem Misstrauen gegenüber einem heimlich wirkenden Staat?
O-Ton: Bernhard
Es ist so, dass man informiert werden muss, wenn so eine Abhörmaßnahme beendet werden muss, also man muss als Betroffener nicht sozusagen während der Maßnahme informiert werden, aber nach ihrem Ende. Und da ich nicht informiert wurde, gehe ich davon aus, dass das noch läuft.
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09.12.2009
Musik machen mit dem Diskriminator
Herrje, das ist wirklich HERRLICH, was man hier sehen kann. Natürlich sind die alle fürchterlich alt geworden, aber hintereinander geschnitten Menschen von Cabaret Voltaire, Joy Division (war das nicht nach John Peel die ALLERbeste Band der Welt?)) und Kraftwerk zu sehen, ist schon eine Wonne:
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07.12.2009
Schöne Wurfsendung: Mehr Farbe
Wir haben uns ja eh schon vor längerer Zeit als hoffnungslosen Fan der Wurfsendung im Deutschlandradio Kultur, nein, nicht “geoutet”, sondern geäußert (und siehe da, so schräg klingt das gar nicht, wenn man das deutsche Wort nimmt).
Manchmal allerdings (und wem fällt beim Wort “manchmal” nicht der ekel- und altherrenhafte Spitz-wie-Lumpi-Song von Roland Kaiser “Manchmal möchte ich schon mit Dir” ein?) sind es in der Wurfsendung so schöne kleine Juwelen, dass wir unser vermutlich die Wurfsendung ebenfalls ohnehin STÄNDIG und OHNE UNTERLAß hörendes Publikum trotzdem nochmal auf diese kleinen Juwelen hinweisen wollen, die unser täglich’ Leben (um auch hier das angeleske “daily life” links liegen zu lassen) so fein beleuchten.
Zum Beispiel Marianne Karbes “Mehr Farbe”. Wer das noch nicht erlebt hat, ist noch keine Bahn gefahren.
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10.11.2009
Ror Wolf II: Cordoba Juni 13.45 Uhr
Großartig, großartig, großartig.
Ein kleines Trostpflaster für die Novemberdepression, die ständig nasse Fußbälle mit ihrem Leder matt an Pfosten klopfen hört.
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11.10.2009
Karriere eines Erziehungsexperiments: mit 8 am MIT, mit 46 tot: William James Sidis
Mit Erstaunen am Frühstückstisch das Kalenderblatt im Deutschlandradio Kultur über “einen der intelligentesten Menschen der Welt” gehört:
Wunderkind – damit ist nicht zu viel gesagt. Mit 18 Monaten kann der kleine Billy, der 1898 in New York geboren wurde, Zeitung lesen. Mit vier liest er Caesar und Homer im Original. Nicht viel später spricht er fließend Russisch, Französisch, Deutsch, Hebräisch, Türkisch, Armenisch – sowie Vendergood, eine von ihm selbst erfundene Kunstsprache.Für die siebenjährige Grundschule braucht er gerade mal sieben Monate, die High School hat er nach drei Monaten hinter sich. Mit acht hat er Zugangsberechtigungen zum Massachusetts Institute of Technology sowie zum Medizinischen Institut in Harvard in der Tasche. Doch selbst die Eliteuniversitäten wissen nicht, wie sie mit dem Extrembegabten umgehen sollen. Erst nach drei Jahren Wartezeit darf er in Harvard am 11. Oktober 1909 endlich offiziell anfangen zu studieren.
Der, von dem hier die Rede ist, heisst William James Sidis und sein Studienbeginn liegt heute genau 100 Jahre zurück. Seine Intelligenz ist
das Ergebnis eines genau geplanten Erziehungsexperiments. Die Eltern, beide hochgebildete Mediziner, wollten an ihrem Sohn ihre Theorien zum frühkindlichen Lernen überprüfen. Seine Mutter Sarah liest ihm an der Wiege klassische griechische Sagen vor.“Das ganze Geheimnis von Billys Erziehung ist, dass wir ihm zeitig die Liebe zum Lernen eingepflanzt haben. Wir haben beschlossen, dass wir Billy von Anfang an wie einen Erwachsenen behandeln.”
Vater Boris Sidis, renommierter Professor in der noch jungen Wissenschaft der Psychotherapie, triumphiert. Den Lesern seiner Streitschrift “Philister und Genie” suggeriert er, sie könnten ihre Kinder zu ähnlichen geistigen Höchstleistungen heranzüchten, anstatt sie im staatlichen Schulsystem verkümmern zu lassen:
“Der Lehrer mit seiner pseudowissenschaftlichen, pseudopsychologischen Pseudogogik kann lediglich einen Haufen Philister mit starren Verhaltensmustern produzieren: Marionetten. Ich nehme an, Sie als fortschrittliche Männer und Frauen erkennen Ihre wahre Berufung: die verborgenen Energien Ihrer Kinder zugänglich zu machen und das menschliche Genie durch Erziehung ans Licht zu bringen.”
Spannend.
Hier das komplette Kalenderblatt: Der intelligenteste Mensch aller Zeiten. Vor 100 Jahren begann der elfjährige Amerikaner William James Sidis sein Harvard-Studium. Von Klaus Cäsar Zehrer.
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06.10.2009
Die Stimme von Oskar Werner
Ein kleiner Nachtrag zu dem von uns letztens gefeierten Oskar-Werner-Parodisten Mike Supancic: im Deutschlandradio Kultur gibt es am Samstag, den 24. Oktober, um 18.05 Uhr das Original, nämlich eine Sendung, die sich mit dem “unverwechselbaren Timbre” des von uns hochverehrten Oskar Werners beschäftigt: Die Stimme des Oskar W. Im Kalender anstreichen und -hören.
Eine kleine Hör-Kostprobe auf einer Oskar Werner gewidmeten Website: Friedrich Schiller: Die Bürgschaft, gelesen von Oskar Werner (mp3 – 1,7 MB)1
- Allerdings, hier muß man Gerechtigkeit walten lassen: die von Kinski gelesene Bürgschaft ist noch 10x besser! [↩]
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14.09.2009
Der moderne weichgespülte Terror von Abwrackprämie und Sonderangeboten
Eine großartige Kritik im Deutschlandradio von Konrad Adam über Wilhelm Hennis Aufsatzsammlung Auf dem Weg in den Parteienstaat, genau passend zur Fixierung der Medien und der auf die Schlange Fernsehen starrenden Wähler auf das “TV-Duell”. Adam zitiert Hennis über die politische Partei:
“Sie lässt sich vor jedes Ziel spannen, jeden Inhalt kann man in sie hineintun. Parteien können ein kostbares Besitztum der politischen Freiheit sein, sie können genauso das Werkzeug erbarmungsloser Tyrannei abgeben.”Es gibt auch noch ein Drittes, das mittlerweile sogar als Regel gelten darf: den sanften Terror, der nicht zwingt, sondern lockt, der das Volk statt mit Verbot und Strafe mit Abwrackprämien und Sonderangeboten, Beitragsermäßigungen und Steuersparmodellen an die Leine nimmt. Dieser moderne, sozialpolitisch weichgespülte Terror verspricht den Leuten ein Leben mit wenig Arbeit und üppigen Renten – vorausgesetzt, sie geben sich mit Lohn und Alterslohn zufrieden und halten ansonsten Ruhe. Nicht der mündige, sondern der satte, der träge, der selbstgefällige Bürger, der Bürger in seiner Doppelrolle als Produzent und Konsument, ist das Ideal der Parteien. Alle vier Jahre brauchen sie ihn als Wähler, als aktives Mitglied aber nur dann, wenn er dazu bereit ist, beim Spiel um die Macht nach ihren Regeln mitzutun. Hennis zitiert aus den einschlägigen Bestimmungen und folgert sarkastisch:
“Wer das liest, der sieht im Geiste eine etwas dusselige Bevölkerung, die von ihren im ständigen Einsatz befindlichen Hinführern auf den Pfad der politischen Bildung und Tugend gebracht wird. Das politische Deutschland – eine ewige pädagogische Provinz.”
Hier der vollständige Artikel: Allmächtige Parteien. Wilhelm Hennis: Auf dem Weg in den Parteienstaat. Rezensiert von Konrad Adam. Im DLR am 13.9.09, 12:30 Uhr.
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