So recht können mich die nun als Neandertaler-Kunst bezeichneten Schraffuren in der Gorham-Höhle in Gibraltar nicht überzeugen, aber in dem FAZ-Artikel findet sich eine andere interessante Erkenntnis der Forscher:

Ruth Blasco und Clive Finlayson erforschen seit vielen Jahren die Höhle an der Südspitze der Iberischen Halbinsel. Erst vor kurzem konnten sie nachweisen, dass die Höhlenbewohner dort schon vor etwa 67.000 Jahren begannen, Felsentauben zu domestizieren, die ihnen dann fast 40.000 Jahre lang als Nahrung dienten. Belege dafür, vor allem angenagte und durch Feuer verkohlte Knochen von der Taubenart Columba livia, fanden die beiden Wissenschaftler in den ältesten Schichten des Höhlenbodens.

Unsere Vorfahren, halt, falsch, um genau zu sein: die gelegentlichen Sexpartner unserer Vorfahren haben sich 40000 Jahre lang von Tauben ernährt? Da erscheint einem die Menschheitsgeschichte doch gleich in einer ganz anderen Perspektive. Wer sich so lange mit dem Domestizieren und Essen von Tauben aufhält, stirbt vielleicht nicht ganz zu unrecht aus.

Und  man muss sich fragen, was unsere direkten Vorfahren an den Neandertalern so sexy fanden, dass sie mit ihnen ins Felsenbett gehüpft sind. Aber immerhin: es war sicherlich ein Candlelight-Dinner. Und es gab Taube.

Hier der ganze FAZ-Artikel vom 03.09.2014: Abstrakte Kunst für die Höhle.

George Dyson, Autor des Buches „Turings’s Cathedral“, in einem Nachtrag zu seinem Artikel NSA: The Decision Problem:

„If we capture all the e-mails in the world, and break all the encryption, we may discover that the world is not nearly as full of terrorists actually threatening the homeland as certain factions are warning us to be afraid of. It may really turn out to just be mostly cat videos (and normal criminal activity). The question is, will the security-industrial complex inform us of that?“

Quelle: Dyson, George: NSA: The Decision Problem.

Wir hatten es letztens in der FAS gelesen und jetzt haben wir es selbst ausprobiert, ORBIS, das Navigationssystem für die Römerzeit:

Reiseweg Mainz-Lissabon zur Römerzeit

Wir haben mal so getan, als ob wir im Juni von Mainz ((Das eigentlich heimatliche Frankfurt war zu der Zeit wohl einfach nur eine, nun ja, Furt über den Main, die man nutzte, um ins – zur Römerzeit viel wichtigere – Mogontiacum/Mainz zu kommen)) nach Lissabon fahren (keine Ahnung, warum;-). Die Reise hätte, und das ist der schnellstmögliche Weg, über 27 Tage gedauert. Und was für Tage wären das gewesen, die Mehrzahl auf Fluß- und Küstenbooten, der Großteil der Reise auf unruhiger See…

Was schlimm ist

Wenn man kein Englisch kann, von einem guten englischen Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist.

Bei Hitze ein Bier sehn, das man nicht bezahlen kann.

Einen neuen Gedanken haben, den man nicht in einem Hölderlinvers einwickeln kann, wie es die Professoren tun.

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören und sich sagen, daß sie das immer tun.

Sehr schlimm: eingeladen sein, wenn zu Hause die Räume stiller, der Café besser und keine Unterhaltung nötig ist.

Am schlimmsten: nicht im Sommer sterben, wenn alles hell ist und die Erde für Spaten leicht.

Das gar nicht genug zu lobende Projekt Frankfurt Gestalten | Bürger machen Stadt hat den Frankfurter Haushalt in einer leicht versteh- und nutzbaren Weise visualisiert, so sieht er aus, der Offene Haushalt Frankfurt: Visualisierung des Frankfurter Haushalts durch Frankfurt Gestalten | Bürger machen Stadt Interessante Details am Rande, auf der Seite zu finden:

Die Haushaltsdaten wurden Dank der ELF Piraten Fraktion Frankfurt organisiert und von der Stadtkämmerei der Stadt Frankfurt bereit gestellt und in einem ersten Hackday im Dezember 2011 hier visualisiert: Openspending Frankfurt Budget. Auf Openspending.org können auch weitere Finanzdaten visualisiert werden.

Da war ich doch bass erstaunt, was sich beim alten Fontane findet:

Heute früh, nach gut durchschlafener Nacht, Bin ich wieder aufgewacht. Ich setzte mich an den Frühstückstisch, Der Kaffee war warm, die Semmel frisch, Ich habe die Morgenzeitung gelesen (Es sind wieder Avancements gewesen). Ich trat ans Fenster, ich sah hinunter, Es trabte wieder, es klingelte munter, Eine Schürze (beim Schlächter) hing über dem Stuhle, Kleine Mädchen gingen nach der Schule, – Ich las den ganzen Scheiß bei Twitter, All die kleinen Alltagssplitter, Alles war freundlich, alles war nett, Aber wenn ich weiter geschlafen hätt‘ Und tät‘ von alledem nichts wissen, Würd‘ es mir fehlen, würd‘ ich’s vermissen?

Das Original war heute bei Zweitausendeins in der Merkmail und hat gefallen.

Ein sehr hörenswertes Features gab es am 18.10. im Deutschlandradio zu hören: Der Oberst betet. Die neuen Helden der Bundeswehr. Von Marc Thörner. Das Manuskript zur Sendung kann man hier als PDF runterladen. Beim Hören ist uns besonders die folgende Passage im Gedächtnis geblieben:

O-Ton Lindemann [dt. Hauptmann, Nachrichtenoffizier für Informationsgewinnung, seit Dezember 2008 in Kunduz stationiert] Was die zivilen Schäden betrifft, sagt das Kriegsvölkerrecht, dass es in einem Verhältnis stehen muss zum erwarteten militärischen Erfolg. Wenn ich das mal einfach runterbreche heißt das: der militärische Erfolg muss so groß sein, dass ich dann zivile Opfer akzeptieren kann, das sagt das Kriegsvölkerrecht.

Autor: Aber welcher militärische Erfolg steckte in der Bombardierung von Zivilisten, die Benzin klauen wollten? Die Beschreibungen der Nacht vom 3. auf den 4. September 2011, die bald in der Presse kursierten, drehten sich immer wieder um diese einsame Entscheidung Oberst Kleins. Nachdem der deutsche Oberst einen Feindkontakt erfunden und so den Weg für den Bombenabwurf freigemacht hatte, ging er in die Kapelle des Feldlagers. Dem Untersuchungsausschuss sagt er später

Zitator Klein: „Wir waren traurig, weil wir der Meinung waren, wir hatten eine schwere Entscheidung zu treffen und wir gingen unseres Weges, und ich bin, wenn ich das hier sagen darf, in die Kapelle gegangen und habe danach erst einmal gebetet.“

Ach, so geht das also beim Militär? Erstmal 142 Leben ausradieren und dann ab in die Kapelle? Aber ehrlich gesagt haben wir es uns GENAU so auch gedacht.

Wir empfehlen unseren werten Lesern und Leserinnen deshalb, sich das Ganze selbst anzuhören, hier als MP3, hier als Flash-Audio, auch und gerade weil das Thema des Kunduz-Bombardements aus den Medien verschwunden ist.

Man kann viel hören und lernen abseits der Tagesaktualität, zum Beispiel über die beileibe nicht einfache Situation und Arbeit der Soldaten in Afghanistan, aber auch über den Zynismus des Kriegsvölkerrechts und seiner konkreten, durch die Situation erzwungenen Auslegung durch die Soldaten vor Ort. Irgendwann sind eben die Menschen nur noch abstrakte Recheneinheiten in der Abwägung von Kommandeuren, die einen (oft vage bleibenden) militärischen Erfolg gegen die Leben vor Ort aufwiegen müssen. Man kann nur froh sein, wenn man nicht selbst Teil eines solchen Rechenexempels ist oder wird.

Nebenbei lernt man in dem Feature einiges über die oftmals haarsträubenden und obskuren Kontinuitäten des deutschen Militärs in Afghanistan, u.a. über den Ostasienspezialist Ritter von Niedermayer, der während des 1. Weltkriegs in Afghanistan Paschtunenstämme zu einem Aufstand gegen Britisch-Indien organisieren sollte. Und über Dr. med Manfred Oberdörffer (†1941 in Kabul), der im Auftrag des militärischen Geheimdienstes (Amt Ausland/Abwehr; Chef: Admiral Canaris) und des Auswärtigen Amtes mit islamischen Fundamentalisten im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und dem damaligen Britisch-Indien Kontakt halten sollte.

Erstaunt? Wie gesagt, man lernt viel in diesem Feature. Anhörbefehl!

Das hat der Freitag aber sehr schön über den Tatort geschrieben, dessen „gestrige“ (Uwe Johnson) Folge den Titel Mauerpark trug:

Was Mauerpark an Geschichten aufruft! Da steckt doch so viel drin! Etwa: Killerkaraoke während des sonntäglichen Flanats der urbancoolen Weltjugend über Flohmarkt mit Biowurststand und DDR-Devotionalien hin zum Do-it-yourself-Unterhaltungswesen, das in eben der besagten Karaoke-Veranstaltung seinen stolzesten Ausdruck findet. 50.000 Menschen sollen sich hier wochenends drängeln, Massenaufläufe, wie man sie „dereinst“ (Thomas Mann) nur von der Shibuya-Station in Tokio kannte.

Hier der vollständige Artikel, auch mit keinem schlechten Titel: Ich war um 3.41 Uhr im Dschungel. Ich übrigens auch.