giesskannen Im Zuge einiger Maßnahmen zur Entschleunigung des Lebens auch die gute alte Schwarz-Weiß-Fotografie wiederentdeckt.

Eine der wenigen Techniken, bei denen man auch mit geringem Können gute Ergebnisse zeitigen kann (sorry, Fotografen).

Manche Fotos von einem selbst sehen plötzlich aus wie in der DDR geschossen, andere zeigen “Körnung”, die man später mal Leuten erklären muß, die nur noch Pixel kennen. Merkwürdig, die Konditionierung des Sehens. Beim Betrachten der Schwarz-Weiß-Fotos meint man selbst bei eindeutig zeitgenössischen Motiven gleich die Wehrmacht durchs Bild rennen zu sehen oder dass gleich ein sehr bärtiger älterer Herr ins Bild kommt, der einem was über gutes Benehmen oder die Entstehung der Arten erzählt.

Eine kleine Zeitmaschine, so ein Film.

Die Kamera ist selbst eine Zeitmaschine von 1936 und man würde vieles darum geben, wenn man alle Fotos sehen könnte, die durch diese Linse schon geschossen wurden. Was für Glücksmomente, was für Kriegsbilder, was für Wirtschaftswunder-, Familien-, Hippies- und Urlaubsfotos da wohl durchgingen.

HIer links ein kleines Memento Mori, aber eigentlich ist es so, dass man sagen müsste: memento Belichtungszeit, memento Blende, memento Entfernung (das hat man bei dem ganzen Autofokus-Zeug wirklich längst vergessen, dass man auch die Entfernung einstellen muß) und vor allem: memento Objektiv rausschrauben und einrasten lassen.

Aber dann gehts ganz einfach.

bildwoerterbuch2bildwoerterbuch3bildwoerterbuch4 Ach, wenn die Welt doch immer so einfach und durchschaubar wie bei den Inglorious Basterds gewesen wäre und am besten auch noch sein würde.

Tatsächlich ist das ja aber alles, um mit Enzensberger zu sprechen, der große Blätterteig der Geschichte, über und über durchgewirkt, geknetet, miteinander vermengt, nicht zu trennen, undurchschaubar, unübersichtlich und rätselhaft. Doch während die Doofen dessenthalben in Denkstarre verfallen oder gläubig werden, staunen wir die Welt an und gucken, was es da so zu entdecken gibt. Über den gestern wiederentdeckten Ror Wolf, dessen Bücher in der heimischen Bibliothek aufgrund ihres unglücklichen “W”-Standortes arg eingestaubt waren, gibt es demnächst noch was, jetzt aber erstmal eine Trouvaille aus unserem hausintern “Nazi-Bildwörterbuch” genannten antiquarischen Schinken.

Anbei einige Bilder aus dem 1938 vom Bibliographischen Institut AG in Leipzig herausgegebenen “Der Große Duden IV. Bildwörterbuch der deutschen Sprache. Hrsg. v. Otto Basler. 1. Aufl., 1. verb. Neudruck.” Neben vielerlei Kuriositäten, Merwürdigkeiten und längst ausgestorbenen Welten (der Schmied, der Raddampfer, das Handvermittlungsamt, das “Tabakskollegium” am Biertisch) merkt man an einigen Bildern die Zeichen der “neuen Zeit”, die Infiltration des Regimes in die vermeintlich neutrale Welt des Lexikons. Die Ahnentafel, “der Kragenspiegel der S.A.-Dienstgrade”, die Wehrverbände das Blindenabzeichen: das Lexikon bildet eben auch die Naziwelt ab und zeigt, zumindest für uns heute aus der Rückschau, die in Verbindung mit dem Jahr 1938 unerträgliche heile Welt der Biergärten, der Kneipen, der Sonnenwendfeier auf dem Thingplatz, der Schulstunde, des Gesangsunterrichts. Aber wie schon Max Goldt richtig bemerkte: auch in der Nazi-Zeit gab es 12 mal eine Spargelzeit.

Merkwürdig nur, dass sich bei den “Haustypen” überaus moderne Häuser eingeschlichen oder gehalten haben. Der von den Nazis präferierte Giebelstil kommt nur in der “Stadtrandsiedlung” vor, während das “Einfamilienhaus” und vor allem das “Doppelhaus” so modern und im International Style des Bauhauses gebaut sind, wie es selbst heutige Bauherren in ihrer architektonischen und bauhistorischen Beschränktheit nicht mehr aushalten würden. Das Flachdach des Bauhauses, nach 1933 schnell als unvölkische Architektur verbannt und geschmäht, taucht 1938 im Bildwörterbuch wieder auf und steht für das typische “Einfamilienhaus”, mitten im Dritten Reich. Ungleichzeitigkeiten überall.

dasharrtihrer Das muß einem natürlich zu denken geben, wenn man Bücher kauft, in denen solche Zettel stecken…

Wird das nicht jemand gewesen sein, der diesen Zettel aufgehoben und in ein Buch gesteckt hat, weil er meinte, dass das für ihn oder sie wichtig ist? Oder hat er den Zettel nur als Lesezeichen benutzt, weil ihm diese obskuren Heilsversprechen (die allerdings auch nur so obskur sind wie alle anderen Heilsversprechen auch) genauso dumm vorkamen wie uns?

Ist man selbst eventuell solch ein durchgedrehter Freak, weil man dieses ebenfalls obskure Buch “Ein Stern fiel vom Himmel” des ebenfalls obskuren Hans Dominik gekauft hat, freilich für dann doch nicht realisierte “wissenschaftliche Zwecke”, nach deren Verblassen es jetzt vielleicht doch auf ewig, d.h. bis zur nächsten Wohnungsauflösung und dem nächsten Weg in ein Antiquariat, ungelesen im Regal stehen bleiben wird? Die Staubschicht auf dem Kopf des Buches spricht jedenfalls dafür.

Im Antiquariat “Erna Fietz” in der Transvaalstraße 1 in Berlin N 65 war das Buch lt. Stempel schon mal. Mal sehen, wo es noch hin kommt.

bellamy_2 bellamy_1 Gerade beim Stöbern in der heimischen Bibliothek gefunden und so gut passend zu den anstehenden Jubiläen. Es heisst ja “Don’t judge a book by its cover”, aber in diesem Fall war vor sicher 20 Jahren tatsächlich die Illustration auf dem Buchdeckel von Edward Bellamys Roman Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 der eigentliche Anlaß für den Kauf. Noch heute amüsiert er aufgrund seiner schönen Zukunftsutopie, die den Betrachter in ein dunkles Loch (seine Gegenwart?) stellt und ihn oder sie durch einen Mauerdurchbruch heraus die glorreiche strahlende Zukunft erblicken läßt: gigantische Plattenbauten, so weit das Auge reicht.

Und wen wunderts, dass die Zukunft so aussieht, ist das Buch doch immerhin von Clara Zetkin übersetzt und eingeleitet, die Neuauflage wurde von Dr. Hermann Duncker “besorgt”, seinerzeit Mitbegründer des Spartakusbundes und 1918 einer der Gründer der KPD. Erschienen ist der vorliegende Band 1949 im Dietz Verlag, just im Jahr der DDR-Gründung, und natürlich mit einer Lizenz-Nr. der Sowjetischen Militär-Administration in Deutschland.

Im Buchdeckel dann die Spuren der zweiten Utopie, eine Anerkennung für die Arbeit “in der FDJ-Gruppe”. Die aufgehende Sonne des FDJ-Logos könnte auch hinter den so sehnsüchtig (1949!) herbeigewünschten Plattenbauten aufgehen. Bemerkenswert ist immerhin, dass es 1949, fünf Jahre nach dem Weltkrieg, schon wieder ein “Statistisches Zentralamt” gibt, dass auch noch eine FDJ Betriebsgruppe hat. Es geht eben nichts über gute Organisation (oder zumindest: Organisation).

Die Schrift: eine FDJ-Leiterin mit Dutt und verketteter Brille, streng, den Maximen der Organisation ergeben, aber mit einem weichen Blick auf die Heranwachsenden, die die Fahne weitertragen sollen.

DDR_Briefmarke0 …zufällig lief mir zu unserem etwas künstlichen, weil von oben ernannten und oktroyierten ((Lt. Wiktionary schreibt man “oktroyieren” und nicht “aufoktroyieren”, denn aufoktroyieren ist ein umgangssprachlicher Neologismus; eigentlich stellt das Wort “aufoktroyieren” einen Pleonasmus dar. Wieder was dazugelernt.) ))”Nationalfeiertag” ein altes Briefmarkenalbum über den Weg, angelegt von einem vielleicht 12 oder 13 Jahre alten westberliner Jungen. Es ist aus nicht nennenswerten biographischen Gründen voll mit Briefmarken aus zwei unbekannten und fernen Ländern, nämlich Malawi und der DDR. Beide Länder haben trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten schöne Briefmarken produziert, die der kleine Junge damals mit einer Pinzette hinter leicht reißendes Transparentpapier geschoben hat, ohne erkennbare Ordnung, ohne Hintersinn, ohne Wertsteigerungsgedanken, ohne Fachwissen.DDR_Briefmarke1

Mit krakeliger Schrift steht DDR über der ersten Seite. Doch das Wissen über das Land hinter der großartigen Mauer, die im Westen von West-Berlin einzigartige Biotope und Fahrradfahr-Gelegenheiten schuf, ging gegen Null. Die Marken kamen von Omas, Tanten, Bekannten, die aus unverständlichen Gründen mit der DDR offenbar rege Korrepondenzen pflegten.

Und doch, liebe DDR: trotz Deiner tollen Briefmarken beschleicht uns immer wieder eine heimliche Freude darüber, dass unsere stillen Flüche und Verwünschungen etwa bei der Beantragung der Reise nach Ost-Berlin, beim Mit-dem-Finger-über-den-Westberliner-Stadtplan-fahren und insbesondere an der “Grenze zur DDR” im Berliner Tränenpalast oder an der Fähre von Sassnitz nach Schweden erhört wurden und dass Du ein sang- und klangloses Ende gefunden hast.DDR_Briefmarke2 Der unterträgliche Geruch der DDR-Züge, das graue Einerlei der Straßen, die Humorlosigkeit, Deine absurden Uniformen (“Reithosen”) und Militärmützen, das ganze autoritäre Gehabe an der Grenze, die Schikane von Landsleuten, das alles werden wir Dir nicht verzeihen und freuen uns noch heute, dass Deine mutige Bevölkerung es solch miesen, angegrauten und staubigen Säcken gezeigt hat.

Wir setzen unsere kleine Comic-Serie fort mit einem weiteren Bericht aus der Nachbarschaft:

Die ganzen Jahre