berliner_chic Ach, Berlin, Du hast es einfach besser, wie man an diesem schönen Bild sieht.

Nicht nur stellt man einfach Sperrmüll aufs Pflaster und macht so ein Café auf (wo ist sie nur hin, die Wiener oder auch Berliner Caféhaus-Kultur?), man verkauft auch gleich noch den Sperrmüll (wenn das denn überhaupt noch als Sperrmüll und nicht nur als Müll durchgeht), offenbar befeuert vom Berliner Szene-Hautgout, das noch den letzten Scheiß zu Geld machen will, um das zum Lebensstil erhobene prekäre Dasein wenigstens für ein, zwei Tage weiterführen zu können (bevor es nach den paar wilden oder zumindest wild anmutenden Jahren wieder ins westdeutsche Kleinstadtidyll zurück geht).

Und dann noch das weltoffen-weltmännische englische “All our furniture is on sale.” Ich sehe die japanischen Touristen, bepackt mit Berliner Sperrmüll, schon am Flughafenschalter scheitern.

Das war aber mal ein schöner Verhörer heute morgen: “Angela Merkel sieht sich durch die Wahlergebnisse darin bestätigt, dass Schwarz-Geld in Bonn möglich sei. Die Bürger hätten deutlich für Schwarz-Geld gestimmt und den aktuellen Kurs der CDU bestätigt.”

Erst sehr spät gestutzt.

musee_anthropologiemusee_anthropologie2 Im Darwin-Jahr haben wir unseren, nun, nicht alljährlichen, aber nun doch langsam zur intellektuellen Pflicht werden Besuch in der herrlichen Galeries de Paléontologie et d’Anatomie comparée absolviert und wieder über Schönheit und Wahnsinn der Natur, des Menschen und des Zufalls (denn einen Gott sehen wir hier nicht walten) nachgedacht. Im Eingangsbereich der den Menschen würgende Affe, im Saal der Mensch (als einziger nicht als Skelett, dafür mit einem schamhaften Feigenblatt), die Evolution anführend.

Angst und Hybris, der Mensch als Beute und als Krone der Schöpfung. Uns würde es ja schon reichen, wenn wenigstens die Mücken Respekt zeigen würden.

Ja, das ist schon ziemlich gut:

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Charles Henri Sanson Bei einem Parisbesuch mal wieder mit dem ewig Überzeitlichen der schönsten Stadt der Welt konfrontiert worden. Die Grünanlagen sind Friedhöfe (mit einem Gully, wo eigentlich ein Grab sein müsste), die Archive bewahren Papiere (recte: Pergamente) von 1270 auf und es gibt Museen, etwa die Galeries de Paléontologie et d’Anatomie comparée, in denen sich seit hundert Jahren nichts geändert hat (und noch nicht einmal jemand den Spiritus in den Konservierungsgläsern mit der “jeune chat” und dem Schimpansen-Ohr nachgefüllt hat).

Am schönsten war aber die Lektüre nach der aufregenden Stadt, der unterhaltsame Briefwechsel zwischen Adorno und Horkheimer im Jahre 1937. Adorno bemerkt, dass sein kommender Aufsatz über Husserl zur Erledigung des philosophischen Idealismus genausoviel beitragen werde wie Charles Henri Sanson zur Revolution.

Charles Henri Sanson?

Die Wikipedia weiß wie immer mehr:

Charles Henri Sanson, eigentlich Chevalier Charles-Henri Sanson de Longval (* 15. Februar 1739 in Paris; † 4. Juli 1806 ebenda) war seit 1778 offizieller Henker von Paris und wurde als “der” Scharfrichter der Französischen Revolution bekannt.

Die angebotenen Dienstleistungen seiner Familie führten immerhin Ludwig XVI., Marie Antoinette, Georges Danton, Camille Desmoulins, Maximilian de Robespierre und Antoine de Saint-Just ins Jenseits. Das eigentlich Witzige erwähnt aber erst der Kommentar zu Adornos Brief und die Wikipedia bestätigt es:

Im April 1793 übergab er sein Amt “de facto” an Sohn Henri Sanson (1767-1840), der es bis zu seinem Tode 1840 47 Jahre innehatte. […] Henri-Clément (Henry-Clément) war der sechste und letzte in der Familie, der das Henkeramt seit 1830 als Assistent und offiziell von 1840 bis 1847 ausübte. Er vollzog 18 Hinrichtungen (darunter die von Pierre-François Lacenaire und Victor Avril 1836) und musste 1847 wegen seiner krankhaften Spielsucht seine Guillotine verpfänden. Als es bekannt wurde, kam er in Haft und musste den Behörden alles darlegen. Der französische Justizminister sah sich gezwungen, die Schulden seines Henkers zu bezahlen.

Wir lernen also, dass die Guillotine nicht etwa im Staatsbesitz war, sondern, gewissermaßen als eine frühe Form des Outsourcing (oder der Public Private Partnership?), im Privatbesitz der Familie Sanson. Der Staat mietete demnach von der selbständigen Familie Sanson die Guillotine für seine Zwecke an, während die Familie sich mit ihrem Investment in den Apparat (oder sollte man mit Marx sagen: als Besitzerin von Produktionsmitteln?) über Wasser hielt.

Man stelle sich vor, wie der Nationalkonvent ein Gesetz zur Schaffung von Ich-AGs erlässt und die Familie Sanson sich mit dem Geld den Zusammenbau einer ordentlichen Guillotine ermöglicht, diese beständig weiterentwickelt, pflegt und verbessert…

Im Übrigen kann man in der Wikipedia nachlesen, dass Herr Sanson (im Gegensatz zu Herrn Dr. Guillotin selbst) einen großen Anteil an der Erfindung der Guillotine hatte. Umgesetzt wurde die Idee aber letztendlich von, natürlich, einem Deutschen. Der Tod ist eben doch ein Meister aus Deutschland, in diesem Fall lt. Wikipedia in Person des deutschen Klavierbauers (!) Tobias Schmidt, der im Auftrag von Herrn Sanson die erste Guillotine baute.

Museumsbesucher, Moritz Daniel Oppenheim, 1865Da geht man am Wochenende ins Schloß Philippsruh in Hanau, wird dort von einem pöbeligen “Handwerker- und Fischermarkt” überrascht (die rituelle Feier von längst untergegangenen Berufen, die es faktisch gar nicht mehr gibt… Da stellt sich die Frage: ob es auch einmal Plattenfirmenchef-, Verleger- und Journalistenmärkte geben wird?) und findet in der schönen Gemäldeausstellung im Schloß folgende Angaben zu dem ungewöhnlichen Bild “Die Museumsbesucher”:

1939 bei der Emigration Alfed Oppenheim einbehalten, dann verschollen, 1953 bei der Restitution von Alfred Oppenheim als verloren gemeldet und entschädigt, […].

Was steckt hinter diesen paar Zeilen wohl für ein Drama, was für schreckliche Vorkommnisse? Warum entschließt man sich als Museum, über die offensichtlichen Sachverhalte Stillschweigen zu bewahren? Herr Oppenheim ist 1939 sicherlich nicht “emigriert”, weil es ihm woanders aus Lust und Laune so viel besserer gefallen hat, einer jener lustigen “Auswanderer”, wie man sie im Unterschichtenfernsehen Abend für Abend bedauern und verlachen kann.

Herr Oppenheim wurde durch ein unbarmherziges Terrorregime zur Ausreise gezwungen, schlecht behandelt, unterdrückt, vertrieben. Warum schreibt man sowas nicht auf die Karte? Warum tut man so schönfärberisch, schreibt davon, dass das Bild “einbehalten” wurde, als Herr Oppenheim in aller Ruhe, aus freiem Willen und aus freier Entscheidung das Land verließ, wie es die “Emigration” nahelegt? Und warum wurde das Bild zunächst “einbehalten”, ein ja offenbar sehr amtlicher, sehr korrekter Akt, und ist dann verschollen? Dann noch der dumme Schreibfehler, dass das Bild “1865” wieder im Kunsthandel auftaucht, wo es doch richtig 1965 heissen müsste. Hat hier der Museumspraktikant die Karte geschrieben? Hält man es nicht für notwendig, wenigstens etwas Sorgfalt einem äußerst schäbigen geschichtlichen Vorgang zuteil werden zu lassen?

Und man könnte die Geschichte auch so lesen, dass ein Museum ein zwangsweise vom rechtmäßigen Besitzer zurückgelassenes Bild “einbehalten” hat, nach Kriegsende das Bild als “verschollen” gemeldet und entschädigt hat und es, nachdem einige Zeit verstrichen war (Museen haben einen langen Atem), über den Kunsthandel rechtmäßig erworben hat und sich den Besitz von der ja entschädigten Familie hat bestätigen lassen. Das Geld war dem Museum egal, denn Geldscheine kann man nicht ausstellen, aber das Bild wurde so der Sammlung einverleibt.

Ich weiß, ich weiß, alles nur faktenlose Spekulationen, aber solche Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man solche lakonischen Zeilen liest und sich fragt, wie die wohl zustandegekommen sind.

in dieser Welt scheint unaufhaltbar zu sein. Nichts, wirklich gar nichts wird die Dummheit, den Gleichmut, den Schwachsinn und die Homöopathie aufhalten können:

Details zu Arzneimittel Synonyma Luna., Mondstrahlen, Moonbeams […] Ausgangsstoff zubereitet aus den Strahlungen des Herbstvollmondes am 7. 10. 1987. Milchzucker wird auf einem Glasteller den Strahlen des M ausgesetzt und dabei mit einem Glasstab umgerührt. Der so beladene Milchzucker wird in üblicher Weise dynamisiert (Fincke).

So heisst es über Luna, ein homöopathisches “Medikament”.

Wers glaubt, wird nicht selig, sondern dumm.

Gefunden bei stackenblochen, der darüber auch nur gackern kann.

hersteller_koedern_kinder Ja, genau, so wünschen wir uns das demnächst in allen Schaufenstern. Genau so, wie wir es gleich um die Ecke von der Frankfurter Konstablerwache in der Auslage der Verbraucherzentrale Hessen gesehen haben. Wir wünschen uns in Zukunft folgende Schilder in den Schaufenstern:

  • Plasma-Flachbildschirme ködern Leute, die mit ihrer Zeit nichts besseres anzufangen wissen
  • Abwrackprämien stimulieren ohnehin geldknappe Leute in der Krise dazu, sich zu verschulden
  • Verhungerte Models ködern junge Mädchen in einen absurden Diätwahn
  • 5-Klingenrasierer ködern gestandene Männer dazu, sich auch noch den letzten Schmonzes zu kaufen
  • Pommes ködern zu dicke Menschen
  • Bunte Outdoorjacken ködern Städtebewohner für ein Unmöglich-Outfit
  • SUV-Autos ködern biedere Vorstadt-Schlipsträger, sich mitten in der Stadt wie auf einer Wildnis-Expedition zu benehmen

So und nicht anders wünschen wir uns das.