Alan Turing (1912 - 1954)

Alan Turing (1912 - 1954)

Es ist ein seltener Fall von Einsicht, Demut und noblem Verhalten, dass sich die britische Regierung gestern in einer öffentlichen Erklärung dafür entschuldigt hat, wie ihre Vorgänger-Regierung sich Anfang der 50er Jahre gegenüber dem großen Mathematiker und Computer-Theoretiker Alan Turing verhalten hat. Die aktuelle Regierung bezeichnete das Verhalten der damaligen Regieurng als erschreckend und unfair, im Wortlaut:
Thousands of people have come together to demand justice for Alan Turing and recognition of the appalling way he was treated. While Turing was dealt with under the law of the time and we can’t put the clock back, his treatment was of course utterly unfair and I am pleased to have the chance to say how deeply sorry I and we all are for what happened to him. Alan and the many thousands of other gay men who were convicted as he was convicted under homophobic laws were treated terribly. Over the years millions more lived in fear of conviction. [...] So on behalf of the British government, and all those who live freely thanks to Alan’s work I am very proud to say: we’re sorry, you deserved so much better.

Alan Turing, eine schillernde Persönlichkeit (aber welche große Persönlichkeit war das nicht?), wurde von der britischen Regierung 1952 aufgrund seiner Homosexualität durch eine Intrige aus dem Amt gedrängt. Turing ist der Erfinder des Turing-Tests zum praktischen Nachweis künstlicher Intelligenz, außerdem gelten seine Arbeiten auf dem Gebiet der Kryptographie als kriegsentscheidend, da sie wesentlich zur Entzifferung geheimer deutscher Funksprüche im II. Weltkrieg beigetragen haben.

Heute ist übrigens World Suicide Prevention Day, ausgerufen von der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Wir beglückwünschen alle, die es geschafft haben, denn wir halten den Wunsch und Willen des Individuums für das Höchste. ((Wenn sie bei ihren Selbsttötungen denn keine anderen Menschen beeinträchtigen oder verletzen. Wir verurteilen und verachten also alle Selbstmörder, die vor den Zug oder von der Autobahnbrücke springen.)) Außerdem tun uns alle aufrichtig leid, die es nicht geschafft haben, denn oft sind sie schwer verletzt oder/und unglücklich, weil sie es nicht geschafft haben. Man bedenke, dass

  • Deutschland in Europa auf Rang drei der Länder mit der höchsten Suizidrate liegt, hinter Litauen und Russland,
  • die Zahl der Suizidtoten höher ist als die Summe aller HIV-Toten, Opfer von Autounfällen und Drogentoten zusammen
  • die Zahl der Suizidversuche zehn bis zwanzig x so hoch ist,
  • es in Deutschland alle 45 Minuten einen Suizidversuch gibt,
  • jeden Tag mindestens ein Jugendlicher Selbstmord begeht,
  • Selbstmord die zweithäufigste Todesursache bei Teenagern ist.

Zum Gedenken an alle, die es nicht mehr gibt, spielen wir hier ein Youtube-Video, das zeigt, wie manche – trotz Selbstmord – weiterleben:

[youtube ErcJ2kUC4Wg]

Der Typ ist Butch Vig, u.a. Produzent von Nirvanas Nevermind, das Video fanden wir bei Zement: “very creepy sounding”.

Die Wikipedia gibt uns noch ein paar harte (sehr harte) Fakten: Von den 11.150 Suiziden in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2004 wurden folgende Todesursachen erfasst: * Erhängen/Ersticken 5538 (50 %) * Sturz in die Tiefe 1100 (10 %) * Vergiftung durch Medikamente 940 (8 %) * Erschießen 572 (5 %) * Sich vor den Zug oder vor Autos werfen 556 (5 %) * Abgase ins Auto leiten 216 (2 %) Männer griffen 2006 in 52,6 % der Fälle zu so genannten harten Suizidmethoden wie Erhängen, Erdrosseln oder Ersticken, Sturz in die Tiefe, Schienen- oder Straßensuizid und Erschießen und damit häufiger als Frauen (34,5 %), die weiche Methoden wie eine Vergiftung mit einer Überdosierung von Medikamenten etc. bevorzugten.

musee_anthropologiemusee_anthropologie2 Im Darwin-Jahr haben wir unseren, nun, nicht alljährlichen, aber nun doch langsam zur intellektuellen Pflicht werden Besuch in der herrlichen Galeries de Paléontologie et d’Anatomie comparée absolviert und wieder über Schönheit und Wahnsinn der Natur, des Menschen und des Zufalls (denn einen Gott sehen wir hier nicht walten) nachgedacht. Im Eingangsbereich der den Menschen würgende Affe, im Saal der Mensch (als einziger nicht als Skelett, dafür mit einem schamhaften Feigenblatt), die Evolution anführend.

Angst und Hybris, der Mensch als Beute und als Krone der Schöpfung. Uns würde es ja schon reichen, wenn wenigstens die Mücken Respekt zeigen würden.

Carl Sagan erklärt uns unsere kognitive Begrenztheit:

[youtube 3WL_vtu4r1w]

Und natürlich erinnert uns das an einen großartigen kleinen Roman, den wir zu Studienzeiten fasziniert, erstaunt, amüsiert und eifrig gelesen haben: Flatland von Edwin A. Abbott. Lesebefehl!

Das Youtube-Video fanden wir bei einem ebenfalls der harten Materie verpflichteten Blog: zement – de voegen dichten.

Das eigentlich Interessante an der Frage “Atomkraft: Ja oder Nein?” ist ja das Durchdenken der im Grunde genommen für viele Menschen (z.B.: die Menge aller Hamburger und Schleswig-Holsteiner, die in der Nähe des Atomkraftwerks Krümmel wohnen) existentiellen Frage, was passiert, wenn die Atomkraft keine sichere Energie ist.

Im Alltagsleben kann man viele Fragen erörtern, durchdenken, erwägen, vor sich her schieben und vielleicht auch aufschieben. Aber bei einer Technologie, die selbst im guten Fall (“Die Atomkraft ist beherrschbar und sicher”) dafür sorgt, dass die nachfolgende Menschheit auf 10.000 Jahre mit dem anfallenden Müll auf die eine oder andere Weise umzugehen hat, liegt die Brisanz der Frage ganz anders. Hier müssen Entscheidungen getroffen werden, um den Tod von Menschen oder die Beeinträchtigung der Lebensqualität von Menschen abzuwenden. Denn wenn die Kritiker recht haben und die Atomkraft sich tatsächlich als gefährlich erweist, kann die ungehinderte Fortsetzung der Arbeit der Atomkraftbefürworter nicht nur Millionen von Menschen das Leben oder die Gesundheit kosten, sondern auch den gesamten Planeten oder zumindest weite Landstriche oder Regionen unbewohnbar machen (vgl. die bereits geschehene Katastrophe von Tschernobyl, die ebenfalls in einem Atomkraftwerk geschah, das als sicher galt (denn sonst hätten es die Betreiber nicht gebaut)).

Anders als bei trivialen Alltagsfragen wie “Fahre ich heute mit dem Fahrrad zur Arbeit oder nehme ich die U-Bahn?” haben die beiden möglichen Antworten auf die Frage “Ist die Atomkraft sicher, ja oder nein” mithin bei der zweiten Option erhebliche lebens- und existenzbedrohende Konsequenzen. Aus einer logisch-pragmatischen Sicht sind, so makaber es klingt, die Befürworter der Atomkraft erst duch den Tod tausender oder zehntausender Menschen zu falsifizieren, so traurig das klingen mag.

Aufgrund der unter Umständen fatalen Konsequenzen ihres Tuns müssen die Befürworter und und vor allem die Betreiber der Atomkraft sich einer verschärften moralischen Prüfung ihrer Beweggründe und ihrer Integrität unterziehen lassen. Schließlich könnte eine moralisch zweifelhafte oder auch nur praktisch laxe Haltung der Akteure zum Tode zehntausender Menschen führen. ((Natürlich könnten diese Todesfälle mit den inzwischen mit Hilfe der Atomkraft gewonnenen Millionen von Megawatt aufgewogen werden, aber wer will eine solche Rechnung schon aufmachen?)) Hervorragend und in seiner logischen Klarheit kaum zu überbieten ist deshalb das Statement von Herrn Trittin im Interview mit Spiegel Online: “Diese Firma [gemeint ist Vattenfall als Betreiber des Atomkraftwerks] scheint nicht zuverlässig zu sein. ” Aufgrund der aktuellen Vorkommnisse im von Vattenfall betriebenen Atomkraftwerk Krümmel müssten, wie Herr Trittin es auch zu bedenken gibt, tatsächlich alle weiteren von Vattenfall betriebenen Atomkraftwerke sofort geschlossen werden (und dies sei ergänzt: auch alle anderen Aktivitäten des Konzerns beendet werden), denn der Vorfall zeigt deutlich, dass das Unternehmen den Betrieb einer Technologie, die im schlechtesten Fall den Tod Zehntausender verursachen kann, nicht mit der gebotenen Sorgfalt und Kenntnis durchführt.

Das würde sich natürlich nicht geziemen, einem Habermas mit einem lockeren “Glückwunsch, Jürgen” zu gratulieren. Jürgen Habermas ist eine Autorität, und wenn diese Bezeichnung im besten intellektuellen Wortsinnn auf jemanden zutrifft, dann ist es er. Aber was ist das für ein Tag, an dem er seinen 80. Autoritätengeburtstag feiert und gleichzeitig ein Ralf Dahrendorf stirbt? Was hat denn da den Schnitter geritten, so etwas zu tun?

Wie dem auch sei, der persönliche Zugang zu Habermas sieht so aus, wie es sich für eine Respekt gebietende Autorität gehört: nie bis in die innersten Gemächer vorgedrungen. Will heißen: nie den Mords-Trumm der “Theorie des kommunikativen Handelns” gelesen, und das trotz etlichen Seminaren an der Uni über “Kritische Theorie” (sogar bei einem bärtigen Adorniten) und einem Habermas-Seminar. Viel gelesen von Habermas ((Und was kann man einem Autor besseres schenken als die Bestätigung, dass man seine Bücher nicht nur gekauft, sondern auch gelesen hat?)), aber wie gesagt nie bis zur Theorie des kommunikativen Handelns vorgedrungen.

Bei der Lektüre der anderen Bücher immer wieder bewundert (und gewundert), wie einer so weit in die international Philosophie hinein wirken konnte und sich gleichzeitig auch noch so regelmäßig und klug in die politische Diskussion eingemischt hat. Seine regelmäßigen Bände in der Edition Suhrkamp ((Ach, ach, ach, die schöne Edition, was für ein Schmarrn sind dagegen andere zeitgenössische Bucheinbände…)) mit den Wiederveröffentlichungen seiner Einmischungen sind echte Tagebücher der Republik, in der so viel falsch lief und läuft.

Herr Habermas, feiern Sie schön und genießen Sie Ihren 80.!

Museumsbesucher, Moritz Daniel Oppenheim, 1865Da geht man am Wochenende ins Schloß Philippsruh in Hanau, wird dort von einem pöbeligen “Handwerker- und Fischermarkt” überrascht (die rituelle Feier von längst untergegangenen Berufen, die es faktisch gar nicht mehr gibt… Da stellt sich die Frage: ob es auch einmal Plattenfirmenchef-, Verleger- und Journalistenmärkte geben wird?) und findet in der schönen Gemäldeausstellung im Schloß folgende Angaben zu dem ungewöhnlichen Bild “Die Museumsbesucher”:

1939 bei der Emigration Alfed Oppenheim einbehalten, dann verschollen, 1953 bei der Restitution von Alfred Oppenheim als verloren gemeldet und entschädigt, [...].

Was steckt hinter diesen paar Zeilen wohl für ein Drama, was für schreckliche Vorkommnisse? Warum entschließt man sich als Museum, über die offensichtlichen Sachverhalte Stillschweigen zu bewahren? Herr Oppenheim ist 1939 sicherlich nicht “emigriert”, weil es ihm woanders aus Lust und Laune so viel besserer gefallen hat, einer jener lustigen “Auswanderer”, wie man sie im Unterschichtenfernsehen Abend für Abend bedauern und verlachen kann.

Herr Oppenheim wurde durch ein unbarmherziges Terrorregime zur Ausreise gezwungen, schlecht behandelt, unterdrückt, vertrieben. Warum schreibt man sowas nicht auf die Karte? Warum tut man so schönfärberisch, schreibt davon, dass das Bild “einbehalten” wurde, als Herr Oppenheim in aller Ruhe, aus freiem Willen und aus freier Entscheidung das Land verließ, wie es die “Emigration” nahelegt? Und warum wurde das Bild zunächst “einbehalten”, ein ja offenbar sehr amtlicher, sehr korrekter Akt, und ist dann verschollen? Dann noch der dumme Schreibfehler, dass das Bild “1865” wieder im Kunsthandel auftaucht, wo es doch richtig 1965 heissen müsste. Hat hier der Museumspraktikant die Karte geschrieben? Hält man es nicht für notwendig, wenigstens etwas Sorgfalt einem äußerst schäbigen geschichtlichen Vorgang zuteil werden zu lassen?

Und man könnte die Geschichte auch so lesen, dass ein Museum ein zwangsweise vom rechtmäßigen Besitzer zurückgelassenes Bild “einbehalten” hat, nach Kriegsende das Bild als “verschollen” gemeldet und entschädigt hat und es, nachdem einige Zeit verstrichen war (Museen haben einen langen Atem), über den Kunsthandel rechtmäßig erworben hat und sich den Besitz von der ja entschädigten Familie hat bestätigen lassen. Das Geld war dem Museum egal, denn Geldscheine kann man nicht ausstellen, aber das Bild wurde so der Sammlung einverleibt.

Ich weiß, ich weiß, alles nur faktenlose Spekulationen, aber solche Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man solche lakonischen Zeilen liest und sich fragt, wie die wohl zustandegekommen sind.

Ach, was sind wir doch für kreuzeleugnende Punkte im Universum…

Wers nicht glauben mag, sehe sich die schönen Bilder von Thierry Legault an. Das Space Shuttle passiert die Sonne und was sieht man: einen Pixelfehler, ein Körnchen, einen Fussel, einen Fliegendreck, der in den unendlichen Weiten, Sterntagebuch 56233, an seinem Hubble-Teleskop rumschraubt.